FORVM, No. 309/310
September
1979

Selig in der 3. Dimension

Referat vor der Wiener UNO-Konferenz am 24. August 1979

Ivan Illich hat eine neue Theorie. Die „sanfte Technik“ wird schon von der Weltbank vereinnahmt, propagiert — also bricht der Prophet der Alternativen auf zu neuen Ufern. Es geht ihm um eine neue Lebensform, in der nicht mehr Waren produziert werden, sondern, nach dem Modell der Hauswirtschaft, Lebenswertes. Weg vom Tauschwert, hin zum Gebrauchswert ... das könnte auch ein Hebel gegen den Marxismus werden, der nolens volens von der Tauschwertökonomie geprägt ist. Ganz abgesehen davon natürlich, daß Illich die traditionellen Institutionen als Säkularkirchen entlarvt. Das sowieso.

Illich trug seine Thesen Ende August in Wien bei der UNO-Konferenz über Technik und Entwicklung vor, zunächst im offiziellen Rahmen des NGO-Forums der Wissenschafter und sonstigen Nichtdiplomaten, dann bei den jungen Leuten des Forum alternativ, mit denen er zweimal ausführlich diskutierte. Wie immer wird Illich mit fortschreitender Diskussion einfacher und verständlicher. Wir bringen also Illichs Referat vor dem offiziellen UNO-Forum, das wir aus dem Englischen übersetzt haben, und im Anschluß daran den Wortlaut seiner Diskussion im Forum alternativ mit Harich, Herbig und Weish.

Fast überflüssig zu sagen, daß aus diesem Essay wieder ein Buch im Rowohlt-Verlag wird. Titel und Zwischentitel stammen von der Redaktion.

M. S.

Gegenforschung

Es ist an der Zeit, eine alte Tradition wiederzubeleben: die Unterscheidung zwischen der Erforschung der Dinge, wie sie sind, und der Erforschung der Art und Weise, wie Dinge gemacht werden können. Die abgegriffenen Termini „Theorie“ und „Praxis“, die eher aus dem Deutschen als aus dem Griechischen kommen, verwirren die Frage. Ich möchte die Erforschung des Wesens der Dinge „Wissenschaft“ nennen und die Erforschung der Anwendungsweisen „Technologie“. Technologie setzt daher stets einen ethischen Standpunkt voraus, denn die Dinge können nicht verwertet werden, ohne daß es mich und alle anderen berührt.

Seit der Gründung der UNCTAD [1] ist diese Unterscheidung wichtig geworden. Wir haben gelernt, daß ein und dieselbe wissenschaftliche Erkenntnis mit zwei verschiedenen Zwecken angewandt werden kann. Ich nenne den einen Rahmen für die Technologie produktivistisch und den anderen konvivial („mitmenschlich“). Sie sind die Pole eines Spektrums. Im produktivistischen Rahmen sollen Werkzeuge in erster Linie Lohnarbeiter dazu befähigen, den Ausstoß von Gütern und Dienstleistungen zu vergrößern. Im konvivialen Rahmen sollen Werkzeuge in erster Linie Menschen dazu verhelfen, aus dem, was sie damit machen, Befriedigung zu gewinnen, und nicht aus ihrem Beitrag zur Marktwirtschaft. Forschung, die auf die Anwendung der Wissenschaft zur Produktivitätssteigerung abzielt, wird allgemein R & D (Research & Development, Forschung und Entwicklung) genannt. Eine Forschung, welche Wissenschaft zur Erweiterung der Unabhängigkeit vom Markt benützt, wird von mir und von anderen als „Forschung zur Kontrolle“ oder „Gegenforschung“ bezeichnet.

Ein Jahrzehnt lang haben nun viele von uns auf Gegenforschung gedrängt, mit deren Hilfe die armen Länder vermeiden können, die Rechnung für die irrsinnige Industrialisierung der Reichen zahlen zu müssen. Wir definieren Gegenforschung als vom Volk getragene, disziplinierte und kritische Untersuchung moderner Alternativen zum warenintensiven Lebensstil. Wir sind der Meinung, daß arme Länder, in denen vernakuläre [2] Erfahrungen noch relativ weit verbreitet sind, ihre Subsistenzwirtschaft [3] modernisieren und so die entwickelten Nationen überlisten könnten. Eine solche Forschung könnte den ärmsten Ländern eine Art Industrie- und Dienstleistungsorganisation bringen, die es den Menschen ermöglichen würde, viele ihrer Bedürfnisse durch modernisierte Tätigkeiten zu befriedigen, deren Resultate außerhalb der formalen Wirtschaftssphäre liegen.

Inzwischen ist mit dieser Forschung begonnen worden. In Kürze wird ein Leitfaden für Bibliothekare herauskommen, der meine Behauptung beweist. [4] Dieser Leitfaden enthält 450 Titel, die in den Katalogen gewöhnlich fehlen. Und jedes dieser Bücher beschreibt Forschungen und Experimente im Zusammenhang mit modernen Arbeitsmethoden und Werkzeugen, die so beschaffen sind, daß die Menschen, die sie anwenden, sich aus der Warenzirkulation ausschalten können. Es sind technologische Nachschlagewerke, die den Menschen helfen, aktiver zu werden, statt mehr zu konsumieren. Diese Werke sind für mich ein Beweis, daß der technische Fortschritt nicht mehr ausschließlich dem dient, was Karl Polanyi die „losgelöste Sphäre des formalen Wirtschaftswachstums“ genannt hat.

Die Zahl der Menschen, die ihre Befriedigung durch konsumeinschränkende Mittel und Wege zu vergrößern suchen, hat zugenommen und an Zusammenhalt gewonnen. Es sind dies die Menschen, die im Lauf von zehn Jahren 450 Bibliographien, Auszugsdienste, Journale, Übersichten, Berichte über bevorstehende Konferenzen und Verzeichnisse veröffentlichten. Eine Gruppe, die 450 Nachschlagewerke braucht, um zu erfahren, was andere Leute lesen und schreiben, kann nicht mehr marginal genannt werden.

Forschungsziel Glück

Diese neue Art von Forschung ist stark dezentralisiert. Sie wird kaum finanziert und liefert Erkenntnisse, die nicht den Produzenten neuer Artikel dienen, sondern Leuten, die unbezahlte Aktivitäten entfalten und Selbsthilfe pflegen. Ich habe mir die meisten dieser Nachschlagewerke angeschaut. Die Autoren kennen nicht nur die einschlägige Fachliteratur, sondern haben auch praktische Erfahrung. Außerdem sind sie wohlvertraut mit den gängigen Indizes, Journalen und Quellenverzeichnissen, die in der gewöhnlichen Wissenschaft verwendet werden, soweit sie für ihre Zwecke interessant sind.

Viele dieser neuen Autoren — manche als Preisträger, manche als ungebetene Gäste — fühlen sich sehr wohl in den akademischen Gefielden, wo man ihre Arbeit ignoriert. Das gleiche gilt überraschenderweise nicht für ihre Gegenspieler, die Informationsspezialisten, die unsere öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken beliefern. Ich habe ein Dutzend Sammlungen überprüft und dort nur einige wenige der erwähnten Nachschlagewerke gefunden. Die Bibliothekare hatten dafür dreierlei Ausreden: Sie hätten von dieser neuen Literatur nichts gewußt, sie könnten sie nicht beziehen, weil sie im gewöhnlichen Buchhandel nicht erhältlich sei, und schließlich seien sie unsicher, wie sie zu klassifizieren wäre — als „kreative Literatur“? Unter dem Titel „Anarchismus“ oder „Politwissenschaft“? Unter „Hobby“ oder „Technik“? Unter „Devianz“ oder „Soziologie“? Oder fielen sie in die Kategorie „Anatomie“, in die Dewey Frauenstudien einreiht?

Aus diesen Beobachtungen zog ich einige Schlußfolgerungen in bezug auf den Status der „radikalen Gegenforschung. Erstens, daß sie sich von dem großkapitalistischen Unternehmen, das wir R & D nennen, wesentlich unterscheidet: in den Zielen, in den Methoden und im Personal. Ihr Ziel ist nicht Produktivität, sondern die Ersetzung der Warenwirtschaft durch Subsistenzwirtschaft. Ihre Methode ist Wertmessung durch Bezugnahme auf die Befriedigung einer kleinen, konkreten Gruppe statt operativer Verifizierung. Und ihre Träger — ganz unabhängig von ihrer sonstigen akademischen Vorbildung — sind gewöhnlich auf dem von ihnen gewählten Forschungsgebiet Autodidakten.

Zweitens ist die Gegenforschung über gebrauchswertorientierte Technik eine radikal neue Form von Technologie, nicht eine neue Form von Wissenschaft. Sie bezieht von der gewöhnlichen Wissenschaft die Daten, die sie dann innerhalb eines revolutionären Paradigmas über den Zweck der Technik verwendet. R & D verbessert den Wirkungsgrad der Werkzeuge, mit denen standardisierte Güter und Leistungen produziert werden, und steigert damit das Bedürfnis nach beiden. Die Gegenforschung verbessert Werkzeuge und Prozesse, mit deren Hilfe die Menschen in ihrer Tätigkeit mehr Befriedigung finden, als sie jemals aus Konsumgütern gewinnen könnten. Daher gedeiht die Gegenforschung am besten, wenn sie von Menschen betrieben wird, denen es Freude macht, ein unabhängiges, einfaches Leben im Rahmen einer kleinen Gruppe von Gleichgesinnten zu führen. Und sie wird stets gehemmt und meist auch verdorben, wenn es dem technischen Experten mit seiner klinischen Perspektive gelingt, der Gegenforschung seine Dienste aufzudrängen.

Die dritte Schlußfolgerung, zu der ich gelangt bin, besagt, daß die neue Art von Forschung, die darauf abzielt, Warenkonsum durch bezahlte Tätigkeiten zu ersetzen, komplementär ist zur R & D, deren Ziel die Entwicklung von „produzierten“ Gütern und Leistungen ist. Zur Zeit jedoch wird dieses Komplementärverhältnis nur auf einer Seite begriffen.

Nebeneffekt wird Haupthindernis

Vor nur zehn Jahren hatte man von Entwicklung allgemein eine Auffassung, die heute naiv anmutet. Als Ziel der Entwicklung galt die Installierung eines ausgewogenen Systems von Einrichtungen in einer Gesellschaft, die noch über kein solches System verfügte: Schulen, Spitäler, Straßen, Fabriken, Kraftwerke und das dazugehörige Personal.

Heute haben nur noch wenige Menschen solch eine instrumentelle Auffassung von einer erstrebenswerten Gesellschaft. Viele haben ihre Meinung geändert, aus mindestens zwei Gründen. Erstens drohen die unerwünschten Nebeneffekte den Nutzen dieser Einrichtungen zu überwiegen. Zweitens wirkt sich die Kontraproduktivität der modernen Institutionen (wobei der Begriff der spezifischen Zweckwidrigkeiten, die in jeden Wirtschaftssektor eingebaut sind, von den Ökonomen noch nicht voll anerkannt wird) als konstante Frustration der ärmeren Mehrheit unter den Klienten der Institutionen aus. Diese Kontraproduktivität ist eine alltägliche, aber auch eine neue Erfahrung.

Die meisten Menschen haben von der Schule nur eine offizielle Bestätigung ihrer angeborenen relativen Mängel erhalten. In großen Bevölkerungsgruppen hat die Medizin ein gesteigertes Bedürfnis nach Leistungen wachgerufen, das alle Möglichkeiten weit übersteigt, und sie hat die organische Abwehrfähigkeit, die gemeinhin „Gesundheit“ genannt wird, unterminiert. Das Beförderungswesen, für die große Mehrheit an die Stoßzeit gebunden, hat die in der Knechtschaft des Verkehrs verbrachte Zeit vermehrt und sowohl die frei gewählte Mobilität als auch die gegenseitige Zugänglichkeit reduziert. Die Entwicklung der pädagogischen, medizinischen und sonstigen sozialen Institutionen hat faktisch die Mehrheit der Menschen von den Zwecken, für die diese Institutionen geplant und finanziert wurden, abgeschnitten.

Nebeneffekte, die ein Mehr an Reinigungsdiensten erfordern, und spezifische eingebaute Zweckwidrigkeiten, die der grundsätzlichen Priorität institutionalisierter Produkte vor persönlichem Handeln entspringen — ich nenne das paradoxe Kontraproduktivität —, wirken zusammen, um einzelne Menschen und Gemeinschaften in weniger industrialisierten Ländern zu treffen, und zwar klassenspezifisch zu treffen. Diese Frustration, diese Lähmung diskreditieren den Versuch, die erstrebenswerte Gesellschaft in Begriffen installierter Produktionskapazitäten zu beschreiben. Nun ist die Sicherung vor Entwicklungsschäden zu einem neuen Privileg geworden.

Aus falschen Alternativen — Sprung in die 3. Dimension

Vor zehn Jahren unterschieden wir vor allem zwischen politischen Wahlmöglichkeiten, die im öffentlichen Sektor getroffen werden, und technischen Wahlmöglichkeiten, die dem Fachmann überlassen bleiben. Die ersteren sollten die Ziele, die letzteren die Mittel betreffen. Die Optionen auf eine erstrebenswerte Gesellschaft bildeten ein Spektrum von rechts bis links. Heute will der Bürger auch über die Mittel entscheiden. Doch die eindimensionale Topographie der öffentlichen Optionen erweist sich als unzulänglich. Und wenn der öffentlichen Kontroverse nur eine neue Dimension hinzugefügt wird, so spiegelt das nicht adäquat wider, was im Laufe des Jahrzehnts aufdämmernder Alternativen geschehen ist. Mindestens zwei neue Dimensionen der Wahl stehen zur Verfügung, und keine von beiden paßt in das Rechts-Links-Schema.

Ich betrachte jede dieser neuen Optionen als einen unabhängigen Vektor [5] und stelle mir die drei sich überschneidenden Vektoren öffentlicher Optionen als ein dreidimensionales Koordinatensystem vor. Auf die X-Achse setze ich die Fragen, die mit Klassenjustiz und Eigentum zusammenhängen und gewöhnlich mit den Begriffen Rechts und Links verbunden sind.

Auf die Y-Achse setzte ich die technischen Alternativen von „Hart“ und „Weich“, wobei ich die Bedeutung dieser Begriffe noch über ein bloßes Ja oder Nein zur Atomenergie hinaus ausdehnen möchte. Eine „weiche“ Alternative betrifft nicht nur Güter, sondern auch Dienstleistungen; fossile Brennstoffe können durch erneuerbare Energieformen ersetzt werden, an die Stelle institutioneller Fürsorge mittels Profi-Institutionen können gemeinschaftliche Organisation und Selbsthilfe treten.

Eine dritte Option steht auf der Z-Achse meiner Typologie. In diesem Vektor geht es weder um Eigentum noch um Technik, sondern um das Wesen menschlicher Befriedigung. Erich Fromm, glaube ich, würde sagen, daß das Sein zuoberst steht und das Haben zuunterst. Unten steht für mich eine Gesellschaft, die aus dem Maximalwachstum der Warenintensität resultiert, wobei die Bedürfnisse zunehmend in verpackten Artikeln oder standardisierten Dienstleistungen Ausdruck finden, die von Fachleuten geplant und vorgeschrieben und unter ihrer Aufsicht produziert werden. Dieses Gesellschaftsideal entspricht dem Bild einer Menschheit, zusammengesetzt aus Individuen, deren jedes sich von Grenznutzenerwägungen leiten läßt — ein Bild, das sich von Mandeville über Smith und Marx bis zu Keynes entwickelt hat und von Dumont mit dem Terminus „homo economicus“ charakterisiert wird.

Oben auf der Z-Achse plaçiere ich das Bild einer modernen Gesellschaft, die auf Subsistenztätigkeiten beruht, wobei Waren und Industrieproduktion nur insofern als wertvoll gelten, als sie entweder Hilfsquellen oder Instrumente für die Subsistenztätigkeiten sind. Hier entspricht das Gesellschaftsbild dem „homo habilis“, der mit modernen, gebrauchswertorientierten Werkzeugen ausgestattet ist. In Fortsetzung der Ideen Polanyis stellt die Spitze der Z-Achse den gesellschaftlichen Versuch dar, die formale Wirtschaftssphäre wieder in eine bewußt gewählte, begrenzte Kulturmatrix einzubinden. Sie entspricht dem Bild eines Menschen, dem es mehr Befriedigung bereitet, Dinge zum unmittelbaren Gebrauch herzustellen, als Produkte zu konsumieren, die von Sklaven oder Maschinen erzeugt werden.

Die neue Arbeit: Fahren, büffeln, bücken

Wesen, Zweck und Teilung der Arbeit sind die Hauptfragen auf dieser Achse. Von der Entscheidung für oder gegen die Auffassung vom Menschen als einem Wachstumssüchtigen hängt es ab, ob Arbeitslosigkeit als Unglück und Fluch oder als nützlich und als ein Recht angesehen wird. In einer warenintensiven Gesellschaft werden die Waren und Leistungen, die zur Befriedigung der Grundbedürfnisse dienen, von Lohnarbeitern produziert. Hier schreibt die Arbeitsethik den höchsten Rang jenen Tätigkeiten zu, die mit Geld entlohnt werden, während unbezahlte Tätigkeiten nicht nur geringgeschätzt, sondern auch in zwei Kategorien eingeteilt werden: die traditionellen Subsistenztätigkeiten, die außerhalb des Marktes bleiben, von denen manche Menschen aber immer noch leben (diese werden als marginale Überreste einer aussterbenden Lebensweise betrachtet), und eine neue Art unbezahlter Tätigkeit, für welche die Haussklaverei der Frau das bekannteste Beispiel ist.

Die Hausarbeit im Heim des Lohnarbeiters wird nicht bezahlt. Sie ist auch keine Subsistenztätigkeit in dem Sinn, wie es der Großteil der von Frauen verrichteten Arbeit früher einmal gewesen ist, als noch der gesamte Haushalt für Frauen und Männer der Rahmen und das Mittel der Schaffung ihres Lebensunterhalts war. Die moderne Hausarbeit ist standardisiert durch Industriewaren, die auf Produktionsförderung orientiert sind, und wird den Frauen auf geschlechtsspezifische Art und Weise auferlegt, damit sie zur Reproduktion, Regeneration und Motivation der entlohnten Arbeitskraft beitragen. Die Hausarbeit, von den neuen Feministinnen ausgiebig angeprangert, ist nur eine typische Form jener extensiven Schattenwirtschaft, die sich überall als notwendige Ergänzung zur expandierenden Lohnarbeit entwickelt und überall übersehen wird, weil die für den formalen Wirtschaftssektor entwickelten analytischen Begriffe auf sie nicht anwendbar sind.

In dem Maß wie die Subsistenztätigkeiten aussterben, nehmen alle unbezahlten Tätigkeiten die gleiche Struktur wie die Hausarbeit an: das Pendeln zum und vom Arbeitsplatz, die Vorbereitung auf Schulprüfungen und besonders die neuesten Versuche, bürokratische Kontrollen auf den Lebensstil auszudehnen und auf informelle Aktivitäten, wie sie unter der Ägide der „Chicago-Boys“ (Milton-Friedman-Schule der Nationalökonomie) oder von Mao-Verehrern ausgeführt werden. Wachstumsorientierte Arbeit bedeutet unvermeidlich Standardisierung und Manipulierung menschlicher Tätigkeiten, ganz gleich, ob bezahlt oder unbezahlt.

Kinderhaus im Wiener Ökodorf im Prater, August 1979

Zurück zur Gitarre, zum Garten

Eine gegenteilige Auffassung von der Arbeit herrscht in einer subsistenzorientierten Gesellschaft. Dort ist das Ziel die Ersetzung der Konsumgüter durch persönliches Handeln. Sowohl Lohnarbeit als auch Schattenarbeit sind hier im Schwinden, weil ihre Produkte — Güter oder Leistungen — primär als Mittel erfinderischer Tätigkeiten und nicht als Konsummittel gewertet werden. Die Gitarre wird hier höher geschätzt als die Schallplatte, die Bibliothek höher als das Klassenzimmer, der eigene Garten höher als die Auswahl im Supermarkt. Arbeitslosigkeit wird begrüßt und Lohnarbeit in Grenzen toleriert.

Die Form des Gesellschaftsideals wird künftighin von den Entscheidungen in diesen drei unabhängigen Vektoren abhängen. Die Glaubwürdigkeit eines Gemeinwesens wird am Grad der öffentlichen Partizipation in jeder dieser Optionen gemessen werden. Das mit diesem Gesellschaftsideal gesetzte Beispiel wird — so ist zu hoffen — zum entscheidenden Faktor für das internationale Gewicht einer Gesellschaft werden. Zum ersten Mal in der Geschichte würden arme und reiche Gesellschaften wirklich auf gleicher Ebene stehen. Doch damit das wahr wird, muß erst die jetzige Auffassung der internationalen Nord-Süd-Beziehungen in Begriffen der Entwicklung überwunden werden.

Das Entwicklungs-Paradigma wird leichter von jenen unter uns verworfen, die am 10. Jänner 1949 schon erwachsen waren. An diesem Tag hörten die meisten von uns erstmals den Begriff „Entwicklung“ in seiner heutigen Bedeutung, als Präsident Truman sein Vierpunkteprogramm verkündete. Bis dahin hatten wir von „Entwicklung“ im Zusammenhang mit Biologie, Immobilien und Schachspiel gesprochen — und danach im Zusammenhang mit Menschen, Ländern und Wirtschaftsstrategien.

Seither sind wir überschwemmt worden mit Entwicklungstheorien, deren Etiketten heute Andenken für Sammler sind. Man denke beispielsweise an Wachstum, Einholen, Modernisierung, Imperialismus, Dualismus, Abhängigkeit, Grundbedürfnisse, Technologietransfer, Weltsystem, autochthone Industrialisierung und zeitweilige Abkoppelung. Jeder Ansturm kam in zwei Wellen: Auf der ersten ritten die Pragmatiker, die freies Unternehmertum und den Weltmarkt priesen, auf der zweiten die Politiker, die Ideologie und Revolution betonten. Die Theorien lagerten Berge von Berichten und wechselseitigen Karikaturen ab. Unter diesen Papieren und Vogelscheuchen wurden die gemeinsamen Hypothesen aller Theorien begraben. Jetzt ist die Zeit gekommen, die unter der Idee der Entwicklung verborgenen Axiome zu exhumieren.

Entwicklung impliziert grundsätzlich die Ersetzung vielseitiger Fähigkeiten und reichlicher Subsistenztätigkeiten durch Gebrauch und Konsum von Waren. Entwicklung impliziert den Vorrang der Lohnarbeit vor aller anderen Arbeit. Sie impliziert die Erfassung der Bedürfnisse in Begriffen von Gütern und Dienstleistungen, die aufgrund fachmännischer Pläne massenproduziert werden. Und schließlich impliziert Entwicklung eine Umgestaltung der Umwelt in dem Sinne, daß Raum, Zeit, Materialien Produktion und Konsum fördern, aber gebrauchswertorientierte Tätigkeiten, die zur direkten Bedürfnisbefriedigung dienen, abwerten oder lähmen.

Und all diese weltweiten, homogenen Veränderungen und Prozesse werden als gut und unvermeidlich gewertet. Die mexikanischen Muralisten [Rivera, Siqueiros] porträtierten dramatisch die typischen Figuren, bevor die Theoretiker die einzelnen Stadien skizzierten. Auf diesen Wandgemälden sieht man den menschlichen Idealtypus als Mann im Overall hinter einer Maschine oder im weißen Arbeitsmantel vor einem Mikroskop. Er gräbt Tunnels durch Berge, führt Traktoren, heizt rauchende Schlote. Frauen gebären ihn, pflegen ihn, lehren ihn. In auffallendem Kontrast zur aztekischen Subsistenzwirtschaft betrachten Rivera und Orozco die industrielle Arbeit als einzige Quelle aller Güter, die zum Leben und zum Fortschritt notwendig sind.

Der Industriemensch wankt

Doch dieses Ideal des Industriemenschen beginnt zu verblassen. Tabus verlieren an Kraft. Schlagworte von der Würde und Freude der Lohnarbeit klingen überholt. Arbeitslosigkeit, ein Ausdruck, der erstmals 1898 verwendet wurde, um Menschen ohne festes Einkommen zu bezeichnen, wird jetzt als ein Zustand erkannt, in dem die meisten Menschen der Welt ohnehin leben — sogar auf dem Höhepunkt industrieller Konjunkturperioden. In Osteuropa, aber auch in China sehen die Menschen heute, daß der Ausdruck „Arbeiterklasse“ seit 1950 hauptsächlich als Deckmantel für die Privilegien einer neuen Bourgeoisie und ihrer Manager dient, die an die Stelle der alten getreten sind. Die Notwendigkeit, Arbeitsplätze zu schaffen und Wachstum zu stimulieren, worauf die selbsternannten Paladine der Ärmsten sich immer berufen, um jede Anregung einer alternativen Entwicklung vom Tisch zu fegen, scheint heute viel weniger real.

Die Absage an die Entwicklungsideologie nimmt mannigfache Formen an. Allein in (West-)Deutschland experimentieren an die 15.000 Gruppen, jede auf andere Weise, mit Alternativen zur industriellen Lebensweise. Die Mehrheit kommt aus Arbeiterfamilien. Die meisten von ihnen sehen keine Würde darin, ihren Lebensunterhalt mit Lohnarbeit zu verdienen. Wie manche Slumbewohner in Süd-Chicago versuchen sie sich vom Konsum „abzuschalten“. In den USA leben mindestens vier Millionen Menschen im Kern kleiner, hochdifferenzierter Gemeinschaften solcher Art, und mindestens siebenmal so viele nehmen an dieser Lebensweise teil: Frauen suchen Alternativen zur Gynäkologie; Eltern suchen Alternativen zur Schule; Eigenheimbauer suchen Alternativen zum Wasserklosett.

In Trivandrum in Südindien habe ich eine der erfolgreichsten Alternativen zu einer besonderen Art von Warenabhängigkeit gesehen: Schulunterricht und Diplomierung als privilegierte Formen des Lernens. 1.700 Dörfer haben Bibliotheken eingerichtet, von denen jede mindestens tausend Titel umfaßt. Das ist die zur Vollmitgliedschaft erforderliche Mindestausstattung, und um Mitglieder zu bleiben, müssen sie mindestens dreitausend Bücher im Jahr verleihen. Ich war ungeheuer erfreut, zu sehen, daß zumindest in Südindien selbstfinanzierte Dorfbibliotheken die Schulen in ihre Anhängsel verwandelt haben, während anderswo die Bibliotheken in den letzten Jahren zunehmend zu bloßen Depots für Lehrmaterial geworden sind, das unter der Anleitung von Lehrern benützt wird. Ebenfalls in Indien — in Bihar — stellt „Medico International“ einen Versuch dar, die Gesundheitsfürsorge an der Basis zu „entmedikalisieren“, ohne dabei in die Falle der chinesischen „Barfuß-Ärzte“ zu tappen, die zu Lakaien auf der untersten Stufe einer staatlichen Biokontrollhierarchie geworden sind.

Neben solchen experimentellen Formen bedient sich die Absage an die Entwicklungsideologie auch juridischer und politischer Mittel. In einer Volksabstimmung in Österreich votierte [am 5. November 1978] die Mehrheit gegen die Inbetriebnahme eines bereits fertiggestellten Kernkraftwerks. Die Bürger machen — zusätzlich zu den traditionelleren Interessengruppen — in wachsendem Maße Gebrauch vom Stimmzettel und von den Gerichten, um negative Kriterien für die Produktionstechnologie aufzustellen. Diese neuen Optionen waren vor zehn Jahren nicht vorhersehbar — und viele der Machthabenden betrachten sie noch immer nicht als legitim.

All diese von der Basis organisierten Aktionen stellen nicht nur den jüngsten Entwicklungsbegriff in Frage, sondern auch den weiteren, fundamentalen Begriff des Fortschritts — einen Begriff, der die abendländische Gesellschaft seit zweitausend Jahren kennzeichnet und seit dem Verfall des alten Roms die Beziehungen des Westens zur übrigen Welt bestimmt.

Gesellschaften spiegeln sich in ihren transzendenten Göttern, aber auch in ihrer Vorstellung vom Fremden, der jenseits ihrer Grenzen lebt. Die Entwicklung exportiert die für die Industriegesellschaft typische Dichotomie zwischen „wir“ und „sie“. Diese weltweite Verbreitung einer neuen Einstellung zum „Wir“ und zu den anderen bedeutet den Sieg einer Mission, die vor zweitausend Jahren im Westen begonnen hat. Eine Neudefinierung des Entwicklungsbegriffs würde dieses abendländische Hegemoniestreben nur verstärken. Meiner Meinung nach wird, wie ich noch zeigen werde, die westliche Vorherrschaft im Bereich der formalen Wirtschaft ergänzt durch die professionelle Kolonisierung des informellen Sektors im eigenen Land und im Ausland. Will man diese Gefahr vermeiden, muß man zuerst die sechsstufige Metamorphose des heute als Entwicklung verstandenen Begriffes verstehen.

Wo Frau war, wird Klerus

Jede Gemeinschaft hat eine für sie charakteristische Einstellung zu anderen. Der Chinese beispielsweise kann nicht vom Ausländer reden, ohne ihm ein abwertendes Attribut anzuhängen. Für den Griechen ist der Fremde entweder ein Gast aus einer benachbarten Polis oder ein Barbar, der kein vollwertiger Mensch ist. In Rom konnten Barbaren Bürger der Stadt werden, aber Rom sah nie seine Aufgabe darin, sie hereinzuholen. Erst durch die Kirche wurde der Fremde ein Bedürftiger, einer, den man hereinholen mußte. Diese Auffassung vom Fremden als Bürde ist für die abendländische Gesellschaft konstitutiv geworden; ohne diese universelle Mission gegenüber der Außenwelt wäre das, was wir das Abendland nennen, nie entstanden.

Die Auffassung vom Fremden, der erlöst werden muß, ist Teil einer neuen Ansicht über die Aufgaben der Institutionen. Daß man den Fremden als hilfebedürftig betrachtete, kam daher, daß man der Kirche mütterliche Funktionen zuschrieb. Nie zuvor war eine formale Institution Mutter genannt worden, und nie zuvor hatten die Leistungen einer Institution als absolut lebensnotwendig gegolten. So aber dachte man im vierten Jahrhundert von der Kirche. Ohne Zugang zur Milch des Glaubens, die nur aus den Brüsten der Kirche fließt, konnten die Menschen nicht erlöst werden.

Diese Institution ist der Prototyp der heute im Überfluß vorhandenen Institutionen des Westens, deren jede eine Leistung erbringt, die als lebensnotwendig gilt, und von einem eigenen, spezialisierten professionellen Klerus gehütet wird. Die Übertragung solcher Funktionen wie Erlösung, Erziehung, Ernährung, Fürsorge und Pflege von den Frauen auf Institutionen, die zum Großteil von Männern geleitet werden, und die Umformung von Bedürfnissen in Nachfrage nach institutionellen Leistungen konstituiert die Geschichte des Abendlandes.

Die Vorstellung vom Außenseiter als einem, dem geholfen werden muß, hat im Lauf der Zeiten verschiedene Formen angenommen. In der Spätantike verwandelte sich der Barbar in den Heiden. Er wurde definiert als ungetauft, aber von der Natur dazu bestimmt, Christ zu werden. Es war die Pflicht der Gläubigen im Schoß der Kirche, den Heiden durch Taufe der Christenheit einzuverleiben. Im Frühmittelalter waren die meisten Menschen in Europa getauft, wenngleich noch nicht alle bekehrt. Dann kamen die Moslems. Zum Unterschied von Goten und Sachsen waren die Moslems Monotheisten und offenkundig fromme Gläubige; sie widersetzten sich der Konvertierung. Darum bedurften sie nicht nur der Taufe, sondern mußten auch unterworfen und belehrt werden. Der Heide verwandelte sich in den Ungläubigen.

Im Spätmittelalter wandelte sich das Bild des Fremden nochmals. Die Mauren waren aus Granada vertrieben, Kolumbus hatte den Atlantik überquert, und die spanische Krone hatte viele Funktionen der Kirche übernommen. Nun trat der Wilde, der die zivilisatorische Aufgabe des Humanisten bedrohte, an die Stelle des Ungläubigen, der den Glauben bedrohte. Um diese Zeit wurde der Fremde auch erstmals in wirtschaftsbezogenen Begriffen beschrieben. Aus den vielen Studien über den Wilden, die vom Anfang der Neuzeit bis hinein ins Hochbarock erschienen, erfahren wir, daß er keine Bedürfnisse hatte. Diese Bedürfnislosigkeit war edel, aber eine Gefahr für den aufsteigenden Kolonialismus und Merkantilismus. Um dem Wilden Bedürfnisse einzupflanzen, mußte man ihn zum Eingeborenen machen.

Entwicklung! dröhnte die Sambatrommel

Nach langen Überlegungen gelangten die spanischen Gerichte zu der Überzeugung, daß zumindest der Wilde der Neuen Welt eine Seele habe und folglich ein Mensch sei. Im Gegensatz zum Wilden hat der Eingeborene Bedürfnisse, aber andere als der Zivilisierte. Seine Bedürfnisse sind durch Klima, Rasse, Religion und die Vorsehung bestimmt. Noch Adam Smith stellt Betrachtungen über die Elastizität der Bedürfnisse von Eingeborenen an. Wie Myrdal bemerkt, war die Konstruktion spezifischer Bedürfnisse der Eingeborenen notwendig, um den Kolonialismus zu rechtfertigen und die Kolonien zu verwalten. Vierhundert Jahre lang nahm der weiße Mann die Bürde auf sich, die Eingeborenen mit Regierung, Erziehung, Handel zu versorgen.

Jedesmal, wenn das Abendland dem Fremden eine Maske neuer Bedürfnisse aufsetzte, wurde die alte Maske beseitigt, weil sie zur Karikatur eines aufgegebenen Selbstbildes geworden war. Der Heide mit seiner von Natur aus christlichen Seele mußte dem verstockten Ungläubigen weichen, damit die Christenheit zu den Kreuzzügen aufbrechen konnte. Der Wilde war notwendig, um das Bedürfnis nach weltlich-humanistischer Bildung zu fördern. Der Eingeborene rechtfertigte die Etablierung der Kolonialherrschaft.

Zur Zeit des Marshall-Plans, als die multinationalen Konzerne sich durchsetzten und die Anmaßung transnationaler Pädagogen, Therapeuten und Planer keine Grenzen mehr kannte, hätten die bescheidenen Bedürfnisse der Eingeborenen nach Gütern und Leistungen die Expansion und den Fortschritt aufgehalten. Daher kann die Entkolonialisierung auch als ein Konversionsprozeß verstanden werden: die weltweite Hinnahme der Selbstdarstellung des Abendländers als „homo economicus“ in der Extremform des „homo industrialis“ mit ausschließlich warenwirtschaftlich bestimmten Bedürfnissen. Knappe zwanzig Jahre genügten, um zu erreichen, daß zwei Milliarden Menschen sich als unterentwickelt empfinden. Ich erinnere mich an den Karneval 1963 in Rio de Janeiro — es war der letzte vor der Machtübernahme der Junta. „Entwicklung“ war damals das Schlüsselwort im preisgekrönten Samba, der Schrei der Tänzer zum Rhythmus der großen Trommel.

Entwicklung im Sinn hohen Energieverbrauchs und intensiver, individueller professioneller Fürsorge erscheint im Rückblick als die verderblichste Mission, die das Abendland je unternommen hat. Die Investitionen für dieses Projekt gründeten sich auf eine vom ökologischen Standpunkt aus undurchführbare Vorstellung menschlicher Naturbeherrschung und auf ein vom anthropologischen Standpunkt her bösartiges Bestreben, die Nester und Schlangengruben der Kultur durch sterile Abteilungen für professionelle Dienste zu ersetzen. Spitäler, die Neugeborene ausstoßen und Sterbende aufnehmen, Schulen, die Arbeitslose vor, zwischen und nach Anstellungen beschäftigen, Wohntürme, in denen Menschen zwischen Fahrten zum Supermarkt eingeschlossen sind, Straßen von Garage zu Garage, die während der kurzen Entwicklungseuphorie ein Muster in die Landschaft tätowieren. Diese Institutionen, geplant für lebenslängliche Säuglinge, die von Euter zu Euter geführt werden sollen, beginnen so altmodisch auszusehen wie Kathedralen, aber ohne jeden ästhetischen Reiz.

Ökologischer und anthropologischer Realismus ist unumgänglich geworden. Aber wir müssen aufpassen. „Weich“ ist zweideutig; sowohl die Linke als auch die Rechte haben sich den Begriff angeeignet. Er kann jeder von zwei Möglichkeiten auf der Z-Achse dienen: einem honigvollen Bienenstock oder einem aktiven Pluralismus mit den harten Risken der Freiheit. Die Entscheidung für „weich“ könnte leicht eine weitere Umformung der mütterlichen Gesellschaft im eigenen Land und eine weitere Metamorphose des Missionsideals im Ausland zulassen.

Abgründe am weichen Weg

Amory Lovins sagt, die Möglichkeit weiteren Wachstums hänge nun von einem schnellen Übergang zum „weichen“ Weg ab. Nur so, erklärt er, könne innerhalb einer Generation das Realeinkommen der reichen Länder sich verdoppeln und das der armen Länder sich verdreifachen. Nur durch den Übergang von fossilen Brennstoffen zu Sonnenenergie ließen sich die externen Kosten der Produktion so weit reduzieren, daß die Mittel, die heute zur Erzeugung von Abfall und zur Bezahlung von Reinigungspersonal, das die Abfälle beseitigt, verwendet werden, nützlichen Zwecken zugeführt werden könnten. Damit bin ich einverstanden. Wenn es Wachstum geben soll, dann hat Lovins recht, und Ihr Geld wird in Windmühlen besser angelegt sein als in Ölförderpumpen.

Die Weltbank argumentiert ähnlich in bezug auf Dienstleistungen. Nur wenn man sich für arbeitsintensive, manchmal weniger effiziente Formen der Industrieproduktion entscheidet, kann Allgemeinbildung in die Berufslehre eingebaut werden. Effizientere Anlagen erfordern enorme externe Kosten für die formale Bildung, setzen sie voraus, während sie am Arbeitsplatz keine Bildung vermitteln können.

Die Weltgesundheitsorganisation legt jetzt den Akzent auf Prävention und Erziehung zur Selbstpflege. Nur so kann das Gesundheitsniveau der Bevölkerung gehoben werden, während kostspielige Therapien — die meisten von unerwiesener Wirkung, aber nach wie vor von den Ärzten bevorzugt — aufgegeben werden können. Die liberal-egalitäre Utopie des achtzehnten Jahrhunderts, die von den Sozialisten des neunzehnten als Ideal für die Industriegesellschaft übernommen wurde, scheint heute nur auf dem Weg der „weichen“ Technologie und der Selbsthilfe realisierbar zu sein. In diesem Punkt stimmen Rechte und Linke überein.

Wolfgang Harich ist ein hochkultivierter Kommunist, der seine Überzeugung in zweimal acht Jahren Einzelhaft verfeinert und gestählt hat. Er ist der einzige osteuropäische Anwalt des „weichen Weges. Aber während für Lovins der Übergang zu dezentralisierter Produktion vom Markt abhängt, ist für Harich die Notwendigkeit eines solchen Übergangs ein Argument für eine stalinistische Ökologie. Für Rechte und Linke, Demokraten und Autoritäre werden „weiche“ Techniken und Energien zu einem entscheidenden Mittel, um die wachsenden Bedürfnisse von immer mehr Menschen durch standardisierte Produktion von Gütern und Leistungen zu befriedigen.

Der „weiche“ Weg könnte geradewegs zu einer neuen Grenze führen: zur Vereinnahmung des informellen Sektors durch Planer und Erzieher. Wir haben gesehen: Wo immer die Lohnarbeit expandiert, wächst auch ihr Schatten, die industrielle Knechtschaft. Lohnarbeit als dominierende Produktionsweise und geschlechtsspezifische Hausarbeit als Idealtypus unbezahlter Leistung sind beides Tätigkeitsformen, die in der Menschheitsgeschichte keine Vorläufer haben. Beide sind erst mit der industriellen Produktionsweise entstanden, beide beruhen auf der Voraussetzung, daß der Mensch habgierig und neidisch sei, beide postulieren für die Arbeit eine Geschlechtsspezifik, die in früheren Zeiten als unmoralisch gegolten hätte.

„Vir economicus“ und „femina domestica“ sind die beiden Geschlechter, die zusammen den „homo industrialis“ ergeben. Sie gedeihen nur dort, wo erst der absolutistische und dann der industrielle Staat die gesellschaftlichen Grundlagen der Subsistenzwirtschaft zerstört haben. Sie vermehren sich in dem Maß, in dem kleine, diversifizierte, vernakuläre Gemeinschaften soziologisch und gesetzlich unmöglich gemacht werden — in einer Welt, in der die Menschen von der Geburt bis zum Tod nur leben können durch Abhängigkeit von Schulen, Gesundheitseinrichtungen, Verkehrsmitteln und anderen Fertigprodukten, die aus den Eutern der industriellen Institutionen herauskommen.

Von der unbezahlten Schattenwirtschaft zur neuen Hauswirtschaft

Die konventionelle ökonomische Analyse hat sich lediglich auf eine dieser beiden komplementären Tätigkeitsformen des Industriezeitalters konzentriert, auf den Bürger als entlohnten Produzenten. Die ebenso produktionsorientierten Aktivitäten der Nichtberufstätigen sind bis jetzt im Schatten des ökonomischen Scheinwerferlichts geblieben. Doch das ändert sich schnell. Man beginnt den Beitrag der unbezahlten Tätigkeiten zu bemerken. Feministinnen fordern Entlohnung für Hausarbeit; Wissenschaftler studieren chinesische Volkskommunen und Castros Freiwillige, um festzustellen, wie unbezahlte Arbeit zum Wachstum beiträgt; Schüler Milton Friedmans entdecken die Ökonomie des Sexualverhaltens. In einer Zeit, da strukturelle Arbeitslosigkeit mit einer schnellen Abnahme der Arbeitsplätze im Tertiärsektor zusammenfällt, Menschen durch Mikroprozessoren ersetzt werden und der „weiche“ Weg die Aufteilung der Produktion auf kleine Einheiten ermöglicht, gewinnt der Beitrag des informellen Sektors zur Gesamtwirtschaft zentrale Bedeutung.

Die Produktion und Verteilung dessen, was Ignacy Sachs „Pseudo-Gebrauchswerte“ nennt, wird zur letzten Wachstumsbranche. Die von Sachs getroffene Unterscheidung zwischen echten und falschen Gebrauchswerten wird allgemein übersehen, weil die Tätigkeiten, die diese und jene hervorbringen, von der konventionellen Ökonomie in der Pauschalkategorie „informeller Sektor“ zusammengefaßt werden.

Ich ziehe es vor, den Terminus „informeller Sektor“ auf die Schattenwirtschaft der Industrieknechtschaft zu beschränken, also beispielsweise auf unbezahltes Diplomstudium, Pendeln, paraprofessionelle Selbstbetreuung und die Hausarbeit der Frauen. Dieser unbezahlten Schattenwirtschaft stelle ich die ebenfalls unbezahlten vernakulären Tätigkeiten gegenüber, die zum Lebensunterhalt beitragen, sich aber jeder Analyse mit Begriffen der formalen Ökonomie widersetzen. Ich nenne diese Tätigkeiten „vernakulär“. Es gibt keinen anderen gängigen Begriff, der es mir ermöglichen würde, diese Unterscheidung zu treffen.

„Vernakulär“ ist ein lateinisches Wort, das in Rom 1.200 Jahre lang benutzt wurde zur Bezeichnung von selbsterzeugten, hausgemachten, gemeinsam hergestellten Werten, die ein Mensch schützen und verteidigen kann, obwohl er sie weder auf dem Markt kauft noch verkauft. Da wir kein einfaches Wort für das Gegenteil von Waren und ihren Schatten haben, wollen wir es mit diesem versuchen. Es erlaubt mir, zu unterscheiden zwischen der Expansion des informellen Sektors der Schattenwirtschaft und dem Gegenteil, der Expansion des vernakulären Bereichs.

Die beiden können einander nur fördern, wenn sie im Gleichgewicht sind. Ihre relative Bedeutung ist die Schlüsselfrage in der dritten Dimension der Optionen, unterschieden von rechts und links im politischen Sinn und von weich und hart im technischen Sinn. Die Entscheidung für das eine oder das andere hängt davon ab, worin man das Wesen der menschlichen Befriedigung sieht und wie man die Arbeit versteht. Hier gilt es zu wählen zwischen hierarchisch organisierter, standardisierter Arbeit, die bezahlt oder unbezahlt, freiwillig oder erzwungen sein kann — und immer wieder neu erfundenen Formen einfacher, integrierter Subsistenztätigkeiten, deren Ergebnisse nicht von Bürokraten vorhergesehen, nicht von Hierarchien organisiert werden können und die sich an den jeweiligen Werten der Gemeinschaft orientieren.

Zu wählen ist zwischen zwei verschiedenen Anschauungen vom Menschen, seinen Bedürfnissen und deren Befriedigung. Für jene von Locke bis Leontieff und von Karl Marx bis Milton Friedman, die meinen, der Mensch könne in Lohnarbeit alle Lebensnotwendigkeiten produzieren, hat die industrielle Organisation der Arbeit die Menschheit von der allgemeinen Mittelmäßigkeit der Subsistenz befreit, wie Marx im 24. Kapitel des „Kapital“ sagt. Sie sind blind für modernisierte Subsistenz, die zum Vergnügen gewählt wird, und blind für die Ablehnung jener industriellen Bereicherung, die wie keine zuvor die Mächtigen privilegiert und die große Mehrheit schmerzlich frustriert.

Katholischer Glaube aus Produktions-Euter

Doch für jene, die nicht den katholischen Glauben teilen, daß alle Menschen im gleichen Maß der gleichen produktiven Euter bedürfen, erfordert die Absicht, sehr verschiedenen Subsistenzformen gleiche Möglichkeiten zu sichern, Einschränkungen der Industrieproduktion, die weit hinausgehen über das, was der „weiche“ Weg postuliert.

Wenn die Wirtschaft expandiert, was die „weiche“ Option zulassen kann, muß die Schattenwirtschaft noch schneller expandieren, und der vernakuläre Bereich geht zurück. Im Fall steigender Arbeitslosigkeit werden die Arbeitslosen in neuorganisierte nützliche Tätigkeiten im informellen Sektor integriert. Arbeitslose Männer erhalten das sogenannte Recht auf Arbeit in jenen produktionsfördernden unbezahlten Tätigkeitszweigen, die seit der Entstehung der Hausarbeit im neunzehnten Jahrhundert rücksichtsvollerweise dem „schwachen Geschlecht“ vorbehalten waren — eine Bezeichnung, die ebenfalls zu jener Zeit aufkam, als man die Aufgabe der Frauen weniger in der Subsistenz als in industrieller Sklaverei sah.

Bei dieser Option bleibt uns die internationale Entwicklung erhalten. Die internationale Standardisierung des informellen Sektors wird die nun geschlechtsneutral gewordene unbezahlte Domestizierung der Arbeitslosen im Heim wiederspiegeln. Schon jetzt drängen sich die neuen Experten, welche alternative Technologien und Selbsthilfemethoden exportieren, auf Flughäfen und in Konferenzsälen. Die letzte Hoffnung der Entwicklungsbürokraten, ihre Legitimität zu bewahren, liegt bei dieser neuen Art von missionarischen Beratern sie monopolisieren den Export von Arbeiten, die früher der „femina domestica“ vorbehalten waren, jetzt aber Männern in den „Kolonien“’ zugewiesen werden.

Viele der neuen Dissidenteneliten, von denen ich gesprochen habe, wehren sich gegen all das — gegen die Verwendung „weicher“ Technologien zur Reduzierung des vernakulären Bereichs und zur Verstärkung der professionellen Kontrolle über den informellen Sektor. Diese neuen Eliten sehen im technischen Fortschritt das Mittel, im Einklang mit einem neuen Werttypus zu leben: einem Wert, der weder traditionell noch industriell ist, sondern subsistenzorientiert und zugleich rational gewählt.

Ein neuer Lebensstil

Mit mehr oder weniger Erfolg geben sie ein Beispiel, wie man nach Werten leben kann, die einen kritischen Schönheitssinn ausdrücken, eine besondere Erfahrung von Lust, eine einzigartige Lebensanschauung, die von einer kleinen Gruppe geteilt wird — für eine andere kann sie völlig bedeutungslos sein. Sie glauben, daß die modernen Werkzeuge es möglich machen, sich mit Tätigkeiten zu erhalten, die auf vielfältige, verschiedene, wechselnde Lebensformen abzielen und doch die qualvolle Schinderei, die in alten Zeiten mit der Subsistenz verbunden war, zum großen Teil unnötig machen. Und sie kämpfen für die Freiheit, den vernakulären Bereich ihres Lebens zu erweitern, nehmen aber sorgsam Bedacht darauf, nicht mehr als ihren gerechten kleinen Anteil an den Ressourcen der Welt zu verbrauchen.

Ich wage die Behauptung, daß die selbstgenügsamen Lebensformen der Avantgardeeliten von Travancore bis Wales allein durch ihre Beispielwirkung schon bald jene Mehrheit überzeugen könnten, die seit Jahrzehnten im Bann des konträren „Demonstrationsmodells“ stupender, widerlicher und lähmender Bereicherung stehen. Damit aber dieses Beispiel wirksam wird, sind zwei Bedingungen zu erfüllen. Erstens muß der neue Lebensstil, der durch ein neues Verhältnis zwischen Menschen und Werkzeugen bestimmt ist, sich an einem Menschenbild orientieren, in dem der Mensch zur Spezies „homo habilis“ und nicht zur Spezies „homo industrialis“ gehört. Zweitens müssen die warenunabhängigen Lebensformen durch Beispiele verbreitet werden, die der Empfänger sich aussuchen kann, und nicht durch missionierende, belehrende neue Evangelisten.

Zum Schluß möchte ich noch eine Gefahr erwähnen: die Gefahr eines Rückfalls in eindimensionale Optionen. Politische Aktivisten beklagen häufig das politische Desinteresse der Ökologisten. Die Kritik ist berechtigt, aber die Aktivisten müssen selber bereit sein, sich gegen die harten Techniken zu stellen, die ein solches Maß an Expertenherrschaft erfordern, daß jede partizipative Politik, ob rechts oder links, zur Augenauswischerei wird. Soll die Option der Gesellschaft das Resultat von Bürgerpartizipation und nicht von Expertenentscheidungen sein, dann muß man klar unterscheiden zwischen drei Formen von Partizipation, zu denen jedermann aufgerufen ist: Wahl von Volksvertretern zur Durchführung politischer Programme; Widerstand gegen die Technokratie in Form persönlicher Teilnahme an Bürgerbewegungen, die etwa zu Volksabstimmungen führen; Inanspruchnahme von Justiz und Gesetzen zur Wahrung des Rechts einer jeden Gruppe auf ihre Ansicht vom Wesen des Menschen und damit auf ihren vernakulären Bereich.

[1UNCTAD = United Nations Conference on Trade and Development, besteht seit 1964 (Anm. d. Red.)

[2„Vernakulär“ wird von Ivan Illich im Sinne von „nicht der Warenwirtschaft zugehörig“ gebraucht (siehe seine eigene Erklärung gegen Ende des Aufsatzes). Im Lateinwörterbuch finden wir: vernaculus = im Hause geboren, davon abgeleitet verna = Haussklave, und vernilis = sklavisch, knechtisch; im Patriarchat vollzieht sich im Hause die verächtliche Knechtsarbeit. Das Griechischwörterbuch verweist uns auf die weibliche Wurzel: pherne = Mitgift (Anm. d. Red.)

[3Subsistenz = Lebensunterhalt, Subsistenzwirtschaft = Hauswirtschaft, marxistisch gesprochen „Reproduktionsphäre“, wo man nicht Lohnarbeit leistet, sondern sich erholt oder wiederherstellt (Anm. d. Red.)

[4Valentina Borremans: The Librerians Reference Guide to Convivial Tools, Bowker (= Library Journal), October 1979 (Anm. v. Ivan Illich)

[5Illich gebraucht hier das Wort „Vektor“ (gerichtete Größe) wie das Wort Achse, also braucht man sich keine Gedanken zu machen, was ein Vektor eigentlich ist (Anm. d. Red.)

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