Psychoanalyse
Beiträge
FORVM, No. 101

Diagnose und Dichtung

Mai
1962

Vor vierzig Jahren, am 15. Mai 1922, erhielt Arthur Schnitzler einen Glückwunschbrief zu seinem sechzigsten Geburtstag. Der Gratulant grüßte Schnitzler mit uneingeschränkter Zustimmung als einen „psychologischen Tiefenforscher, so ehrlich unparteiisch und unerschrocken wie nur je einer war“. Und (…)

FORVM, No. 129

Die Revolution geht vielleicht weiter

September
1964

Ich möchte dem Leser zwei Antworten auf Ihre Frage vorlegen und ihm dann bei seinen Überlegungen assistieren. „Was ist von Freud geblieben?“ — meine erste Antwort ist: die Freud-Relique, der Freud-Nachlaß. Er ist leicht zugänglich und ein williger Zeuge, der Beachtung verdient; er kann zwar dem (…)

FORVM, No. 129

Die Welt hat wenig gelernt

September
1964

Selten merkt eine Epoche, welchen Fortschritt sie nicht gemacht hat. An Freuds fünfundzwanzigstem Todestag wird mancher Heitere den Haß, den Freud hervorgerufen hat, als viktorianisch belächeln. Das Kopfschütteln über vergangene Torheiten verhindert nicht selten den Kopf, über die gegenwärtigen (…)

FORVM, No. 129

Wien hat viel vergessen

September
1964

Im Zusammenhang mit Ihrer Frage drängt sich die Erinnerung an drei Gesprächsstereotypen auf, die beim zuhörenden Psychiater das gleiche Gefühl milder Verzweiflung auslösen. Erstens; am häufigsten in Österreich und Deutschland: „Ach, Sie sind Psychoanalytiker! Freud ist ja doch schon völlig (…)

FORVM, No. 169-170

Mutmaßungen über Marcuse

Januar
1968

I. Soziologie als empirische Einzelwissenschaft, „die nichts als Soziologie ist“, versteht sich auf dem heute erreichten Niveau als „wissenschaftlich-systematische Behandlung der allgemeinen Ordnungen des Gesellschaftslebens, ihrer Bewegungs- und Entwicklungsgesetze, ihrer Beziehungen zur (…)

FORVM, No. 192

Der Narr mit dem Tonband
oder
Die psychoanalysierte Psychoanalyse

Mit der Niederschrift eines Tonbandes von A.
Dezember
1969

Brief von A. an J.-P. Sartre Nun bin ich aus der psychiatrischen Klinik entkommen, mit einer gebrochenen Hand und der Polizei auf den Fersen ... Aber so arg ist das mit der Hand gar nicht, wenn man den angeschlossenen Text liest, der auch ein paar harte Schläge enthält. Leider ist ein (…)

FORVM, No. 195/I

Marx mal Freud

März
1970

Von dem bedeutenden Prager Marxisten, Philosophieprofessor und Mitglied des internationalen Beirats des NEUEN FORVMS erscheint in der Reihe edition suhrkamp ein Band mit drei Betrachtungen über den „Marxismus und die moderne geistige Wirklichkeit“. Die nachfolgenden Erwägungen stammen aus dem (…)

FORVM, No. 207/I/II

Der Pädagoge als Gärtner

Zu Arbeiten von Siegfried Bernfeld
Februar
1971

Zu Siegfried Bernfeld: Antiautoritäre Erziehung und Psychoanalyse. Band I-III.‚ hsg. von Lutz von Werder und Reinhart Wolff. März Verlag, Frankfurt 1970. Der Begriff „antiautoritäre Erziehung“ ist über Nacht Mode geworden, das Aufrücken eines Buches mit diesem Titel von dem Engländer A. S. (…)

FORVM, No. 247/248

Geld aus Opfer

Historisch-Mythologisches in der Triebstruktur des Geldes
Juli
1974

Die Welt-Inflation verwandelt das Geld aus einem rationalen Äquivalent mathematischer Berechenbarkeit in einen mysteriösen Zeiger kapitalistischer Krisenzuckungen. Wunderglaube und Magie tauchen wieder auf. Was da dran ist, erklärt der Berliner Anthropologe Horst Kurnitzy: daß das Geld nämlich (…)

FORVM, No. 247/248

Technokraten opfern Leistung

Juli
1974

Voltaire vergleicht in den „Lettres anglaises“ (1733) die friedliche Szene der Londoner Börse mit dem Gezänk der religiösen Fanatiker. Die Glaubensbekenntnisse und Sekten hetzen ihre Anhänger zu blutigen Religionskriegen auf, während an der Börse Mohammedaner, Juden und die untereinander (…)

FORVM, No. 303/304

Lehrt Anarchie

Zur funktionellen Geistesbildung des Revolutionärs
März
1979

Otto Groß ist ein vergessener Vorläufer Wilhelm Reichs, den Josef Dvorak in einer gründlichen Studie im Juli/August-Heft 1978 des NEUEN FORVMs exhumierte. Schon vor dem ersten Weltkrieg hatte Otto Groß begonnen, Psychoanalyse und soziale Revolution zu verbinden. Als Teilnehmer des (…)

FORVM, No. 307/308

Wer ist der Täter?

Psychoanalyse, Polizei und Verbrechen
Juli
1979

Theodor Reik: Der unbekannte Mörder. Psychoanalytische Studien, Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 1978, 419 Seiten, DM 36, ö5 284 Moralischer Polizismus Diese Aufsatzsammlung des Wiener Psychoanalytikers Theodor Reik (1888 bis 1969) stammt aus den Jahren 1925 und 1932. Ein Buch aus der (…)

FORVM, No. 319/320

Schizophren ist normal

Zum Tode Erich Fromms
Juli
1980

ln der Mitgliederliste des FORVM-Redaktionsbeirats stand hinter dem Namen Erich Fromm der Wohnort „Mexico City“. Aber nach einem Herzinfarkt, den Fromm 1968 erlitten hatte, hielt er sich meist im Tessin auf. Fotografien aus der letzten Zeit zeigen ihn mit dem zerfurchten, lächelnden Gesicht (…)

FORVM, No. 335/336

Ausm Paradies geprügelt

Alice Millers Antipädagogik
November
1981

Alice Miller: Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst, 182 Seiten, DM 19,80, öS 150,50. Am Anfang war Erziehung, 322 Seiten, DM 28, öS 213. Du sollst nicht merken. Variationen über das Paradies-Thema, 392 Seiten, DM 34, öS 258,50. Erschienen 1979-1981 im (…)

FORVM, No. 375-378

Wo die Zitronen blühn

Ein Sanskritist liquidiert Freud
Juni
1985

Zu: Jeffrey M. Masson‚ Was hat man dir, du armes Kind, getan? Sigmund Freuds Unterdrückung der Verführungstheorie. 336 Seiten, Preis S 296‚—‚ Rowohlt Verlag, 1984. Zwischen 1979 und 1981 hat die schweizerische Psychoanalytikerin Alice Miller in drei antipädagogischen Bestsellern die (…)

FORVM, No. 423/424

Die Wissens-Schlächter: Freud, Galilei und die Tyrannei der Wahrheit

März
1989

Ein Philosoph aus Pittsburg, Adolf Grünbaum, bearbeitet die „Grundlagen der Psychoanalyse“ mit dem Sezierrnesser. Paul Feyerabends neues Buch, mit dem plakativen Titel „Farewell to Reason“, ruft hingegen den Philosophen zu: Hände weg vom Seziermesser! I. Feyerabends jüngstes Buch — „Farewell (…)

MOZ, Nummer 42

Wen wundert’s, wenn’s dann blockt

Juni
1989

Wien gibt sich intellektuell, Österreich besinnt sich seiner geistigen Tradition, und Sigi läßt grüßen. Freuds Notiz zum Wunderblock als Beschreibung des Ortes des menschlichen Gedächtnisses, was die Seele ausmacht, ist Anlaß für das Vorzeigeprojekt der Wiener Festwochen. Gegenüber der (…)

FORVM, No. 448-450

Kritische Politologie und politische Triebtheorie

Zwei wiederaufgelegte Grundlagentexte der ersten APO* in der Bundesrepublik Deutschland
Mai
1991

1987 brachte der Freiburger Ça ira-Verlag ein Reprint von Frank Böckelmanns im März 1966 erstmals veröffentlichtem Essay über „Die schlechte Aufhebung der autoritären Persönlichkeit“, im Frühjahr 1990, beinahe auf den Tag seiner Emeritierung, Johannes Agnolis 1967 im Rahmen eines gemeinsamen (…)

Context XXI, Heft 2/2002

Fahnenflucht in die Krankheit?

Die Militärpsychiatrie und die Behandlung der „Kriegsneurotiker“ in den beiden Weltkriegen
Mai
2002

Der erste Weltkrieg bedeutete den massiven Einbruch des Maschinenzeitalters in die Kriegsführung. Millionen Soldaten waren einer bis dahin ungekannten Zerstörungskraft der neuen Maschinenwaffen, Granaten und Giftgase ausgesetzt. Die Folgen blieben nicht aus: schon in den ersten Kriegsmonaten (…)

Grundrisse, Nummer 3

„Die Schlächter der Erinnerung“

Eine Einleitung zum gleichnamigen Buch von Pierre Vidal-Naquet
September
2002

Vorbemerkung der grundrisse Redaktion: Das Buch „Die Schlächter der Erinnerung. Essays über den Revisionismus“ wurde von Alice Pechriggl übersetzt und ist soeben im WUV Verlag, Wien 2002, ISBN 3-85114-661-1, erschienen. Alice Pechriggl hat auch eine Einleitung verfaßt, die wir mit eine kleinen, (…)

Context XXI, Heft 5-6/2002

Das Richtige im Falschen?

Sexualität und Befreiung bei Adorno und Marcuse
November
2002

Angesichts der vor allem unter räsonierenden ApologetInnen des Status quo so beliebten Rede von der permissiven Sexualität, dem Ende der Tabus, ja gar von sexueller Freiheit, erscheint es ein wenig altmodisch, im Anschluss an Freuds Repressionsthese über den Zusammenhang von Zivilisation und (…)

Context XXI, Heft 8/2002 — 1/2003

Pathologische Massenbildung gegen Juden und Jüdinnen

Zur Psychoanalyse des Antisemitismus
März
2003

Als die „spezifischen Motive“ des Antisemitismus nannte Freud jene, „die aus geheimen Quellen“ (Freud 1939, 197) stammen. Die Wissenschaft, welche uns den Blick auf diese geheimen (i.e. unbewussten) Quellen ermöglicht, ist die Psychoanalyse. Auch die Charakterisierung des Antisemitismus als (…)

Context XXI, Heft 8/2002 — 1/2003

Psychoanalyse und Geschlechterverhältnis

März
2003

Im folgenden geht es nicht darum, Freuds patriarchale Ansichten anzugreifen, obwohl seine Briefe und seine Krankengeschichten aus den 1890er Jahren ein kleiner Katalog von Vorurteilen gegen Frauen sind. Auf der anderen Seite setzte sich Freud für die Rechte der Frauen ein, als einige Analytiker (…)

Context XXI, Heft 1-2/2005

Und es gibt ihn doch!

Mai
2005

In Ljiljana Radonic „Die friedfertige Anti­semitin“ wird das Modell eines weiblichen autoritären Charakters aktualisiert. Die Kritik an Freuds Weiblichkeitstheorie stellt in der Diskussion rund um Geschlechterverhältnisse keine Neuheit dar. Ebenso bekannt ist der Vorwurf, dass Adornos Modell (…)

Context XXI, Heft 5-6/2005

„… Geschlechtsmerkmale bei Juden auffallend häufig verwischt …“*

Eine Entgegnung auf Andreas Peham
Oktober
2005

Der jüdische Monotheismus habe als vergeistigte ‚Vaterreligion’ die Menschheit aus ihrer magisch-omnipotenten Einheit mit der ‚Urmutter’ gerissen, während das Christentum mit der Vergöttlichung des Individuums hinter diesen Schritt regrediert sei und seitdem alles den ‚Narzissmus der (…)

Context XXI, Heft 5-6/2005

Befreiung und Beschädigung

Eine Replik auf Sebastian Winter
Oktober
2005

Wie haben wir den Mut, in einer Welt zu leben, in der die Liebe durch eine Lüge provoziert wird, die aus dem Bedürfnis besteht, unsere Leiden von denen mildern zu lassen, die uns zum Leiden brachten. (Marcel Proust) Die ÜberbringerInnen der schlechten Nachrichten haben nie einen guten Stand. (…)

Context XXI, Heft 1-2/2006

Gegen die Zersetzung durch Intellekt und Trieb

Zum Hass der Antisemiten und Antisemitinnen auf die Nicht-Identischen
Mai
2006

[(Vorbemerkung: Bei vorliegendem Text handelt es sich um einen Vortrag, den ich im November 2004 am Symposium „Feindaufklärung und Reeducation. Über die Notwendigkeit Kritischer Theorie heute“ gehalten habe. Im von Stephan Grigat herausgegebenen Band zu diesem Symposium wurde er nicht (…)

Café Critique, Jahr 2006

Mozart, Freud und Hitler

Die offiziellen Feierlichkeiten in Wien
Mai
2006

Jubiläen sind eine merkwürdige Sache. Wie schon im „Adorno-Jahr“ 2003 ist auch im Zusammenhang mit Sigmund Freuds 150. Geburtstag zu befürchten, dass sich die Anzahl der Veranstaltungen und Publikationen umgekehrt proportional zu einer vernünftigen Auseinandersetzung mit der Aktualität der (…)

Grundrisse, Nummer 20

Ist Sex subversiv?

Linke Theorien der sexuellen Befreiung und Gender-Dekonstruktion
Juni
2006

Teil 1: Von der Oktoberrevolution zur Kritischen Theorie In der Linken ist es schon seit langem aus der Mode gekommen über sexuelle Befreiung zu sprechen. Die Freudomarxisten sahen in den sexuellen Bedürfnissen und Trieben der Menschen eine wichtige Stoßkraft für die proletarische Revolution. (…)

Café Critique, Jahr 2008

Psychoanalyse im Zeitalter des Suicide Bombing

April
2008

Anläßlich des Freud-Jahres und der EU-Ratspräsidentschaft Österreichs wurde im April 2006 in Wien ein Symposium zum Thema Psychoanalyse und Politik. Terror, Regression und Gewalt – Lösungsmöglichkeiten? abgehalten. Im Ankündigungstext des Hauptvortragenden Vamik Volkan heißt es: „Die regressiven (…)

Grundrisse, Nummer 30

Politisches Asyl

Zur Invalidisierung der Revolutionäre*
Juni
2009

Die politische Ausgangslage In den 70er Jahren entwickelte sich in der Türkei eine revolutionäre Situation. Es gab zwischen vierzig und fünfzig marxistisch-leninistische und maoistische Gruppierungen und Organisationen, die mit verschiedenen Taktiken und Strategien gegen die sozialdemokratisch (…)

Grundrisse, Nummer 33

Agieren. Aspekte und Psychotropen des Handelns

März
2010

Ich möchte mich der Frage nach Aspekten des Handelns widmen, die sich aus der Spannung zwischen Agieren im psychoanalytischen Sinn und Handeln im politischen Sinn ergibt, um sie auf einige ihrer Implikationen für feministische Theorie und Praxis hin zu erhellen. „Die Psychoanalyse ist nicht dazu (…)