Aus einem Interview mit Ernest Mandel*
Es gibt trotzdem einen Widerspruch, denn die Profitraten sind gestiegen. Seit 1991-1993 sind die Profite um 12 oder 13 Prozent gestiegen. Warum also sollte ein solcher Aufschwung der Unternehmensgewinne nicht von einer längerfristigen Fortentwicklung begleitet sein?
Der Grund ist einfach — es liegt in dem fundamentalen Fluch des kapitalistischen Regimes. Für einen wirklichen Wiederbeginn von Investitionen und damit die Möglichkeit eines langfristigen dauerhaften Wachstums bedarf es zweier Bedingungen: einer Steigerung des Profits, aber auch einer Ausdehnung des Marktes. Das kapitalistische System kann nicht auf der Grundlage gesamtwirtschaftlicher Meßzahlen funktionieren.
Jede Ware ist etwas Besonderes und sie muß auf eine spezifische Nachfrage treffen. Die Produzenten von Werkzeugmaschinen arbeiten nicht für die Konsumenten, die Schuhe kaufen. Wir stehen einem neuen theoretischen Problem gegenüber, mit dem wir uns befassen müssen. Bis jetzt haben ihm die Marxisten, wie auch die 4. Internationale, zu wenig Bedeutung beigemessen: Spricht man von der Globalisierung (der immer engeren Verflechtung; d. Übers.) der Weltwirtschaft, verhält man sich so, als ob es sich um ein fast magisches Phänomen, über die Beziehungen zwischen den menschlichen Wesen hinaus, handle. Eines der großen Verdienste von Marx und dem Marxismus besteht im Verständnis, daß an der Basis jeder ökonomischen Entwicklung, jedes ökonomischen Systems, aller grundlegenden sozioökonomischen Beziehungen die Beziehungen zwischen den menschlichen Wesen stehen.
Was also hat sich zugetragen? Es fand eine verstärkte internationale Konzentration und Zentralisierung des Kapitals statt. Diese aber wurde von einer Reihe anderer Erscheinungen begleitet, deren volle Bedeutung man erfassen muß ... Zuerst einmal hat man an der von mir so benannten „Reprivatisierung des Geldes“ teilgenommen: Das ist die Konsequenz der enormen Macht der multinationalen Gesellschaften, die zu der vorherrschenden, wenn auch nicht einzigen Organisationsform des Großkapitals geworden sind. Und die sich immer mehr der Kontrolle irgendwelcher Regierungen entziehen. Die Politik des Abbaus, des Aufhebens von Vorschriften wie bei Reagan und Thatcher ist nicht die Ursache dieser Erscheinung, sondern nur die Konsequenz. Sie haben ganz einfach die Grenzen dessen, was sie tun konnten, erkannt, und versucht, daraus gegenüber der Arbeiterklasse und der Arbeiterbewegung, gegenüber den Armen und den im Stich Gelassenen zu profitieren. Der tatsächliche Mechanismus bestand darin, daß sie nichts machen konnten. Um ein Beispiel für die Bedeutung dieses Phänomens zu geben: Man kennt nicht den Umfang der Kapitalien, die im Weltmaßstab umherschweifen, weder ungefähr in Prozenten, noch etwa wieviel hundert Milliarden Dollar. Was man nicht kennt, kann man offensichtlich nicht kontrollieren. Solange die expansive lange Welle währte, hielt sich das Phänomen in Grenzen. Aber von dem Moment an, in dem man in die lange depressive Welle eintrat, kam es zu einem Zusammentreffen zweier Phänomene. Zum einen verfügten diese Multinationalen über enorme Mittel, zum anderen gab es trotzdem für produktive Investitionen enge Grenzen. Und unter diesen Bedingungen machte man die Erfahrung mit dem, was ich als eine Erscheinung der Über-Liquiditäten, von außerordentlicher Geldflüssigkeit bezeichnen will, eine Umwandlung eines bedeutenden Teils des Warenkapitals in Geldkapital, flüssiges oder fast flüssiges Kapital, welches sich auf die Spekulation geworfen hat, Spekulation an der Börse oder mit Immobilien. Die elektronischen Mittel erlauben heutzutage den fast augenblicklichen Transfer von Kapitalien im Weltmaßstabe. Noch einmal jedoch: Um sich Rechenschaft abzulegen, wovon wir sprechen, muß man es in meßbaren Größen darstellen. An allen Arbeitstagen — natürlich arbeiten diese Herren nicht jeden Tag, aber schließlich an allen ihren Arbeitstagen, sagen wir 150 pro Jahr —, macht man auf den Devisenmärkten und denen, die daran angeschlossen sind, Geschäfte, die dem jährlichen Volumen des Welthandels gleichen!
Diese „Verflüssigung“ des Kapitals setzt im übrigen ein Phänomen fort, das bereits zuvor wahrnehmbar war. Die kapitalistische Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich in die Expansion über einen Ozean von Schulden gestürzt, die Weltverschuldung war enorm. Die ganze Welt spricht von den Schulden der Dritten Welt, aber diese Schulden, obwohl sie die Hälfte der Menschheit betreffen, betragen kaum 15 Prozent der Gesamtschuld. Da sind die Schulden der imperialistischen Unternehmen, der Kapitalisten, die Haushaltschulden, die Schulden jener Regierungen, die nicht Regierungen der Dritten Welt sind. Das sind Zahlen, die nicht zu errechnen sind, vom Dollar ausgehend spricht man von einer Schuld von Trillionen Dollar. Das geht praktisch über unser Vorstellungsvermögen. Und hier stoßen wir von neuem auf ein Grundphänomen, das erklärt, warum ein Auslaufen der langen Welle nicht absehbar ist.
Spricht man von den Multinationalen, muß man sich hüten, sie als einen „Block“ zu betrachten. Es ist wie in einem Korb von Krebsen, sie geraten dauernd aneinander. Es gibt das Konzentrationsphänomen der Multinationalen, große Firmen verschwinden. Man nennt oft die Zahl von 600 Multinationalen, die auf dem Weltmarkt vorherrschen. Bestimmte Schwarzseher des Systems meinen, in einigen Jahren wird das auf 100 hinauslaufen. Das erscheint auf den ersten Blick etwas übertrieben, aber man weiß nie. Der Dollar ist ja auch in freiem Fall. Und das Fehlen einer hegemonialen imperialistischen Macht hat das Unvermögen, die Unfähigkeit der Weltbourgeoisie zur Folge, Lösungen anzubieten. Die Treffen der G7-Staaten enden für gewöhnlich mit der Feststellung ihrer Ohnmacht. Es werden keine Beschlüsse gefaßt.
Durch unsere Tradition, unser Programm, durch einen realistischen Blick für die Krise der Menschheit, der bürgerlichen Zivilisation und ganz einfach der Zivilisation seit dem Ersten Weltkrieg sind wir gewohnt, von einer Krise des subjektiven Faktors, einer Krise des Bewußtseins, der Führung des Proletariats zu sprechen. Gegenwärtig aber ist man auch Zeuge einer Führungs- und Bewußtseinskrise der Bourgeoisie. Und das ist keine kleine Krise, sie ist mit einer schrecklichen Wahl konfrontiert. Und hier erkennt man, daß — aus einem soziopolitischen Grunde — ein Auslaufen der depressiven langen Welle im Moment nicht absehbar ist.
*) Auszug aus einem Interview mit Ernest Mandel der belgischen Zeitschrift »La Gauche« vom 19.4.1995 von Gabriel Maissin. Wir entnahmen diesen Auszug der Übersetzung dieses Interviews der Zeitschrift »Die Linke« vom 14.9.1995.


