Weg und Ziel, Heft 4/1996
Oktober
1996

Georg Scheuer (1915-1996)

Georg Scheuer (1915-1996)

Georg Scheuer war bis 1934 Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes, nach dem Bruch mit dem Stalinismus Linksoppositioneller; er wandte sich jedoch auch bald von Leo Trotzki und der IV. Internationale ab. Im neuerstandenen Österreich war der ehemalige Widerstandskämpfer jahrelang Pariser Korrespondent der »Arbeiterzeitung«. Regelmäßig veröffentlichte er Anfang der achtziger Jahre auch im »Extrablatt«. Er publizierte diverse Bücher (z. B. „Genosse Mussolini“) und autobigraphische Schriften.

Es war im Mai 1980, als ich ihn das erste Mal in Paris besuchte. Die größte Differenz zwischen uns bestand damals in der Frage der Charakterisierung der Sowjetunion. Ich vertrat — wie die meisten Trotzkisten das auch noch heute tun — die These vom deformierten Arbeiterstaat, die gemäß der Trotzkischen Theorie davon ausging, daß die Sowjetunion ihrem Wesen nach sozialistisch oder zumindest protosozialistisch gewesen ist, es nur einer politischen Revolution bedürfe, um zur Arbeiterdemokratie voranzuschreiten. Für Georg Scheuer hingegen war die Sowjetunion nie über den Staatskapitalismus hinausgekommen. Trotz dieser und anderer Meinungsverschiedenheiten war er den kleinen Gruppierungen der Radikalen Linken in Österreich meist in interessierter Freundschaft verbunden. Er unterstützte jene gelegentlich publizistisch, schenkte ihnen wichtige Schriftstücke, schritt aber auch oftmals ein, wenn die historische Legendenbildung ein Bild zeichnete, das so gar nicht seinem scharfen Erinnerungsvermögen entsprach. So machte er nie einen Hehl daraus, daß der Niedergang der gesamten antistalinistischen Linksopposition eng mit dem Sektierertum Trotzkis und seiner Epigonen verknüpft gewesen ist.

Das letzte Mal war er mir aufgefallen, als er vor einigen Wochen der trotzkistischen »Die Linke« (Nr. 14, 30.8.96) in einem ausführlichen Leserbrief mitteilte, welch abenteuerlichen Kurs doch Leo Trotzki im Spanischen Bürgerkrieg gegenüber der POUM und den Anarchisten eingeschlagen hatte. In „Zwischen Spaniens Revolution und Stalins Dolchstoß“ heißt es unter anderem: „Trotzki lebte bis zu den Moskauer Prozessen in einer Art Traumwelt, aus der er durch die blutrünstige Niedertracht Stalins gerissen wurde. Bis 1936 fühlte er sich als Chef einer ,Weltpartei der sozialistischen Revolution‘. Hitler, Stalin und die kapitalistischen Westmächte sollten von dieser ,Partei‘ Trotzkis gestürzt und hinweggefegt werden. (...) Trotzki wiegte sich aber in Illusionen. Er lebte in vergangenen Zeiten und verkannte die wirkliche Lage der dreißiger Jahre. Mit hervorragender Rhetorik und schriftstellerischer Begabung spielte er den Führer einer imaginären Weltrevolution.“

Ich wollte ihm daraufhin wieder einmal schreiben, und ihm wie früher einige mir wichtige Beiträge schicken. Dazu ist es nun leider nicht mehr gekommen. Am 15. September 1995 ist Genosse Scheuer im 81. Lebensjahr in Wien verstorben.

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