Ich bin der Welt abhanden gekommen
Manchmal ist es wirklich zum Abhandenkommen. Der Welt und ihrer ganzen Widersprüchlichkeit und Unsicherheit ins Auge zu blicken, ist im Augenblick nicht eben leicht. Da steckt manch ein Zeitgenossy (so hätte Phettberg wohl gegendert) den Kopf in den Sand. Manche auch in den Kultursand. Was machen diese Genossys mit ihren Katastrophen? Und was machen die mit ihnen? Dazu ein paar Theaterproduktionen, die auf den Spielplänen standen oder stehen.
Frei nach Johann Nestroy, im Rabenhof-Theater
Nestroys Menschenfresserkomödie (leider ist sie bereits abgespielt, aber vielleicht wird sie ja wieder aufgenommen) wurde im Rabenhof-Theater von der Rapperin Yasmo ruckzuck in die Gegenwart gerapt. Die beiden Inselhäuptlinge, der Prolet Abendwind und der Döblinger Biberhahn, von denen jeder einst die Frau des andern gefressen hat, sind mit Problemen konfrontiert, die ihre nestroyischen Vorgänger noch nicht hatten: Feminismus, Veganismus, Migration, Jugendaufstand. Und sie reagieren darauf mit Isolation gegen außen und mehr Druck auf die junge Generation nach innen. Abendwinds Tochter Attala und Biberhahns Sohn Arthur werden also zwangsverheiratet. Das kommt einem alles irgendwie bekannt vor und wird mit toller, leider zu lauter Musik nahegebracht. Aber dass die Musik der Jungen grundsätzlich zu laut ist, ist eine alte Weisheit. Das passt schon. Gespielt wird mit Verve und spürbarem Behagen. (Die Hip-Hoperin Bex, der weiland Alkbottle-Sänger Roman Gregory, der Musiker Raphael Rameis, der Schauspieler Christian Strasser und die Regisseurin sind mit Anlauf unterwegs.) Ein bisschen viel gepredigt wird schon, aber Rap ist halt zu einem Gutteil (Gegen-) Predigt.
Was dabei untergeht, ist der Trick des alten Nestroy, seine Wiener als gemütliche Menschenfresser vorzuführen. („Man kann wohl nie wissen, was aus die Kinder wird“, sagt im Original Abendwind zu seinem Häuptlingskollegen, wie der draufkommt, dass er vermutlich eben seinen eigenen Sohn verspeist hat, und fügt begütigend hinzu: „Er ist im Schosse seiner Familie, folglich gut aufgehoben.“) Der brachialfeministische Schluss der Rabenhoffassung – Attala ersticht ihren frisch angetrauten Arthur – scheint mir vollends überflüssig. Der Witz bei Nestroy ist ja, dass die beiden Häuptlinge angesichts der Tatsache, dass dieser Arthur noch am Leben ist und sie statt seiner einen Bären gefuttert haben, in einen „Prozess der Zivilisation“ ein- und von Menschen- auf Tierfleisch umsteigen. Gemundet hat das im Rabenhof angerichtete Menü trotzdem.
Von Tom Stoppard, Theater Hamakom im Nestroyhof
Da steht nachts um halb drei einer im Krankenhaus und ersucht um Aufnahme. Er sei, obgleich völlig gesund, ein Notfall. Er wolle der Welt und ihrem Wahnsinn entfliehen. Er habe es satt, immer kontrolliert zu werden, immer etwas zu „müssen“. Hier im Krankenhaus könne er einfach nichts tun, ganz ohne schlechtes Gewissen. Dafür sei er gerne bereit, zu zahlen. Er hat auch eine Tasche voller Papiergeld bei sich. Also nimmt man ihn auf. Aber das Klinikpersonal ist schwer irritiert. Einzig zu Schwester Maggie kommt so etwas wie eine Beziehung zustande, aber nur auf Distanz, sehr auf Distanz.
Aus dem Nichtsmüssen wird nichts. Er muss korbflechten, als Therapie, später, da er sich als unbegabter Flechter herausstellt, Bilder malen. Sein gemaltes Bild fängt plötzlich zu leben an – und schon hat er den Wahnsinn der Welt in seinem Krankenzimmer. Dazu kommt, dass die Leitung des Hauses seine Familie aufgespürt und diese zu einem Besuch eingeladen hat. Entsetzt flieht er vom ungastlichen Ort. Der Welt kann man nicht entfliehen.
Ein kurzer, aber großer Theaterabend im kleinen Hamakom-Theater. Ein tolles Ensemble, die Inszenierung nimmt sich viel Zeit, und es entsteht, bei aller Beklemmung, ein seltsam leichtes Spiel.
Von Theu Boermans, Volksoper
Aber oft ist Weltflucht gar nicht möglich. 1938 war bekanntlich das Jahr des Anschlusses von Österreich an Deutschland. Die Volksoper war damals gerade mit einer neuen Operette beschäftigt. „Gruß und Kuss aus der Wachau“ (Text: Hugo Wiener, Fritz Löhner-Beda, Kurt Breuer). Die Geschichte, genretypisch, ist von ergreifender Einfalt: Hoffnungsvoller, aber verarmter Adelssprössling verschmäht reiche Amerikanerin und erwählt sich a liabs Dirndl aus dem einfachen Volk. Und das alles versüsst durch die schmissige Musik des damals sehr beliebten tschechischen Komponisten Jara Benesch. Die Volksoper heute hat das Stück wieder ausgegraben und drum herum ihre Produktion „Lass uns die Welt vergessen“ gebaut. Mit von der Partie war auch die Wiener Historikerin Marie-Theres Arnbom. Das ist schon länger her. Vor knapp zwei Jahren war Premiere, das Stück steht heute noch hin und wieder auf dem Spielplan. Zum Glück.
Es sind vier Stränge, die der niederländische Theatermann Boermans hier kunstvoll verwoben hat. Da ist erstens die Operette. Man ist gerade in den Endproben. Der Intendant, zwei der Textdichter, der musikalische Leiter, der Regisseur, der Bühnenbildner, der Souffleur sind anwesend, sie sind Juden, wie auch ein Grossteil der Hauptdarsteller.
Zweitens wird der politische Hintergrund vorgeführt, vor dem diese Probenarbeit stattfindet. Dies mit zeitgenössischen dokumentarischen Filmsequenzen
Leute aus der zweiten Reihe und der Komparserie, dritter Strang, sind teilweise bereits Nationalsozialisten, und die werden immer anmassender.
Mit dem Anschluss ans Reich geraten die jüdischen Ensemblemitglieder immer mehr unter Druck und werden schließlich allesamt entlassen. Erwähnung findet auch ihr weiteres Schicksal. Vier von ihnen wurden umgebracht.
Die Operettenmusik Beneschs wird konterkariert mit Stücken von Arnold Schönberg, Gustav Mahler und Viktor Ullmann, dazu kommen Teile, welche die junge israelische Dirigentin Keren Kagarlitsky dazukomponiert hat. Ausserdem orchestrierte sie die Operette, da von der Originalmusik nur ein Klavierauszug gefunden wurde.
Unternehmungen wie diese Produktion sind eine Gratwanderung. Da droht Absturz auf zwei Seiten: Einerseits kann eine trockene Geschichtslektion draus werden, und wer wird schon gern belehrt, abends im Parkett sitzend. Auf der andern Seite kann versucht werden, feuchte Betroffenheit zu melken. Beidem wurde hier durch den ausgewogenen Einsatz der erwähnten vier Stränge brillant widerstanden. Und doch: Als auf dem Bühnenhintergrund ein Schlauchboot voller Juden gezeigt wurde, mit dem man übers Mittelmeer zu schiffen versuchte, weg von Europa, da musste ich dreimal leer schlucken. Da tauchten mir heutige Bilder auf von vollen Booten, die in der Gegenrichtung fahren.
Volkstheater in den Außenbezirken
So, und jetzt noch ein Theaterabend, mit dem man tatsächlich der Welt entfleucht. Die Rede ist von der gegenwärtigen Aufführung, mit der das Volkstheater durch die Außenbezirke tingelt. Ich erwischte die Vorstellung im Theater Akzent, diesem im schönsten Arbeiterkammer-Barock gehaltenen Kulturtempelchen. Im Seitengang des Foyers findet sich eine Tür mit der Aufschrift „Behörde“. Was sich dahinter wohl verstecken mag? Aber nun zum Stück.
Die Geschichte darf ja als bekannt vorausgesetzt werden. Es lohnt sich aber, sie vor dem Besuch nochmals in einem Schauspielführer nachzulesen. Traurig ist sie ohnehin. Doch nicht in dieser Fassung, die erarbeitet wurde von Kaja Dymnicky und Alexander Pschill, beide vom Bronsky&Grünberg-Theater. Da ist natürlich nichts so wie im Original. Frau Montague und Herr Capulet kommen eigentlich ganz gut miteinander aus. Es vereint sie die Sorge um ihre Kinder Romeo und Julia, die beide nichts taugen – und sich auch gegenseitig überhaupt nicht leiden können.
Aber mehr soll hier nicht verraten werden, sonst ist der Spass dahin. Es wird ganz einfach Quatsch gemacht, aber gescheiter und lustiger Quatsch.
Und die fünf Schauspielys (Stefan Lasko, Julia Edtmeier, Alexander Jagsch, Doris Hindinger, Agnes Hausmann) spielen schau, dass es nur so kracht. Grandios. Im Akzent-Theater saßen auffallend viele junge Menschen, vermutlich Schulklassen, und die jubelten zum Schluss in den höchsten Tönen.
Aber ganz der Welt abhanden komme ich trotzdem nicht. Denn am Anfang werde ich daran erinnert, dass ich a) das Handy ausschalten soll, und dass b) Fotos sowie sonstige Aufnahmen verboten sind. Ist das nicht selbstverständlich? Die Erde hat mich wieder.








