Inszenierte Literatur
Der Österreich-Schwerpunkt auf der heurigen Frankfurter Buchmesse war für die Redaktion von »Weg und Ziel« Anlaß, den Produktions- und Reproduktionsprozeß von Literatur in den Mittelpunkt dieses Hefts zu rücken. Dabei war zu berücksichtigen, daß die einzelne Autorin, der einzelne Autor und ihr Werk hinsichtlich der Öffentlichkeitswirksamkeit immer weniger zählen. In der herrschenden „Seitenblicke“-Kultur ist die Inszenierung und Inszenierbarkeit von Menschen und Dingen ausschlaggebend: Ob etwas zum „Event’ wird, entscheidet über Erfolg oder Mißerfolg.
Die umfassende Auseinandersetzung mit Robert Menasses Werk steht an erster Stelle unseres Literatur-Schwerpunkts, weil eine gründliche Einzeldarstellung mehr hergibt als ein oberflächlicher Überblick. Franz Schandl hat den heurigen Festredner der Buchmesse und Autor der Neuerscheinung Schubumkehr als Paradeexemplar postmoderner Theorie und Praxis der österreichischen Literatur herangezogen. Manche könnten vielleicht annehmen, Menasse wäre das erspart geblieben, hätte er nicht einer Nebenfigur in Schubumkehr den Namen Franz Schandl gegeben.
Helmut Rizy hat rekonstruiert, wie es überhaupt zum Österreich-Schwerpunkt auf der Frankfurter Buchmesse gekommen ist, wie das unvermeidliche Festkomitee gebildet wurde und wie SchriftstellerInnen speziell in Wien und Oberösterreich darauf reagiert haben. Das ganze Messe-Unterfangen dürfte sich durch zwei Schwachpunkte auszeichnen: Erstens werden dem herrschenden Starkult entsprechend vor allem jene österreichischen Autorinnen und Autoren propagiert, die in Deutschland ohnehin bekannt sind. Zweitens geht der Großteil des Finanzaufwands, wie Michael Scharang betont hat, für „Animateure, Vermittler, Organisatoren, Projektanten“ auf, die „ein umso besseres Auskommen haben, je besser sie ohne Autoren auskommen“.
Auf rund fünf Prozent der Bevölkerung wird jener Kreis von Menschen geschätzt, die unter „Lesesucht’ leiden und folglich zum Dauerkonsum von Büchern tendieren. In periodischen Abständen versuchen speziell die Großverlage, diese Zahl durch konzentrierte Angriffe zu erweitern, die in Form von Bestsellern und Bestseller-Listen vorgetragen werden. Die Orientierung auf den Kassenschlager und die dadurch geförderte Konzentration und Zentralisation des Verlagskapitals ist im Bereich der Literatur nicht unproblematisch, weil gerade auf diesem Sektor die Würze in der Vielfalt und nicht in der Einfalt liegt. Lutz Holzinger hat Material für eine kleine Soziologie des Bestsellers zusammengetragen.
Der Block zur Frankfurter Buchmesse wird von einer Buchbesprechung abgeschlossen: Franz Kain, der großartige oberösterreichische Erzähler, rezensiert Helmut Rizys in der Bibliothek der Provinz erschienenen Roman Hasenjagd im Mühlviertel. Diese erste große Veröffentlichung des Autors (und Mitglieds der »Weg und Ziel«-Re- daktion) auf dem Gebiet der Literatur verblüfft durch ihre künstlerische Meisterschaft. Rizy reiht sich mit diesem Roman in die Reihe jener AutorInnen aus dem fortschrittlichen Lager ein, die mindest doppelt so gut sein müssen, um halb soviel Resonanz zu erzielen wie ihre bürgerlichen KollegInnen.
Es ist weiter kein Geheimnis: Stärker verbreitet als die Lektüre der sogenannten schönen Literatur sind Kriminalromane. Krimis zu schreiben und zu lesen, ist selbstverständlich keine Schande. Nicht wenige anspruchsvolle Autoren haben den Krimi beispielsweise als Transportmittel für Inhalte erprobt, die weit über den normalen Rahmen dieses Genres hinausgehen. Monika Pelz legt eine originelle Analyse der Spezifik des Kriminalromans und seiner Entwick[— fehlt in der Print-Ausgabe —]


