Oh, du teure Bildung
Ein Teil, der vor dem Sommer angekündigten Restriktionen im Bildungswesen und insbesondere an den Hochschulen tritt schon in diesem Herbst in Kraft. Vor allem wurden Lehraufträge gekürzt, ihre Dotierung deutlich herabgesetzt und damit der fest angestellte Lehrkörper vor spürbaren Schnitten bewahrt. Der Einfluß von Menschen, die sonst im »Leben draußen« stehen wurde so weiter minimiert. Hauptziel der Reformen ist jedoch die »Studentenflut« einzudämmen. Das Bild ist passend, hält man sich den Ansturm der Medizinstudenten zu Semesterbeginn vor Augen. Barrieren und Ordnerdienste wurden aufgeboten, um die studierfreudige Jugend, die sich schon die ganze Nacht um Einlaß anstellte, davon abzuhalten zu studieren. Was ist das für ein Land unter den reichsten dieser Erde, das studierwillige Jugendliche von der freien Wahl ihres Bildungsweges abhalten will, sei’s durch Stipendien- und Kinderbeihilfenkürzungen, durch Abschaffung der Freifahrt und schließlich durch Ord nertrupps und Demo-Absperrungen?
Die Antwort auf diese Frage wäre bei einem ärmeren Land einfacher. In diesem Heft versuchen unterschiedliche AutorInnen, StudentInnen und HochschullehrerInnen Hintergründe und aktuelle Ausformungen der Bildungskrise auszuleuchten.
Auch wenn man für eine stärkere Entkoppelung zwischen Bildungssystem und Arbeitsmarkt eintritt oder wie das in manchen Beiträgen anklingt, diesen Bezug zwischen Bildung und Ausbildung überhaupt durchtrennen möchte, also von »reiner Bildung um der Menschwerdung willen« schwärmt, bleibt auf dem Boden der Tatsachen wichtig, was sich in der Arbeitswelt im Zeichen der Neuen Technologien in Produktion, Verwaltung und Kommunikation verändert hat. Eng damit verbunden stellt sich die Frage nach der Qualität der Arbeit und den dafür notwendigen Qualifikationen.
Rudi Schmiede und Nikolaus Kirstein kreisen um die Themen Informatisierung, Verwissenschaftlichung, um das Funktionalistischer- und Abstrakter-werden von Arbeitstätigkeiten. Ein immer höherer Anteil der Gesellschaftsmitglieder ist mit Informationsverarbeitung in Arbeits- und Medienwelt befaßt. Was bedeutet das für die gesellschaftliche Stellung dieses Milieus? Kann man wie Kirstein — Lyotard bemühend — tatsächlich von einer Bourgeoisifizierung (Verbürgerlichung? Kapitalistenknechte? Trittbrettfahrer?) dieser qualifizierten Angestelltenschichten sprechen? Welchen Beitrag zu dieser Aufstiegs- und Qualifikationsdynamik leistet das Bildungswesen?
Allen Beiträgen ist gemeinsam, daß sie den Selektionscharakter und den Anpassungsmechanismus des Bildungswesens an Kapitalinteressen geißeln. Auch wenn Kirstein den Zusammenhang von Ausbildung und Bildung sieht, verharrt der Blick auf dem »Warencharakter der Bildung«, während die Möglichkeit zum Widerstand, zum emanzipatorischen Aneignen des Herrschaftswissens kaum gesehen wird. Eine solche Sichtweise wird durch Erich Ribolits’ Entmystifizierung der Chancengleichheit, dem Slogan der Bildungsexpansion der sechziger Jahre bestärkt, indem er schlüssig nachweist, daß es zwar die Ausweitung des Bildungszuganges gegeben hat, auch mehr Arbeiterkinder an Hochschulen gehen, sich aber an dem prinzipiellen Bildungsprivileg der Ober- und Mittelschichten und ihrer Kinder kaum etwas geändert hat.
In den bisherigen Beiträgen wäre interessant nachzufragen, was der breitere Zugang zur Bildung für ärmere Kinder gebracht hat. Kennzeichnet sie erst recht das sprichwörtliche Aufsteigerverhalten — ein Blick auf die Führungsintelligenz der Sozialdemokratie verleitet dazu, oder gibt es Teile von »Aufsteigern«, die ihr Wissen kritisch gegen jene wenden, die es in Ausbildung und Arbeitswelt lediglich funktionalisieren wollen. Hat die an den bestehenden Institutionen erworbene »Ware« Bildung keinerlei Gebrauchswertseite für den Widerstand? Zumindest unseren AutorInnen dürfte das Bildungssystem dazu verholfen haben jetzt kritisch darüber zu schreiben.
Nach der Lektüre des empirischen Überblicks von Franz Kainz über das österreichische Bildungswesen im internationalen Vergleich, vor allem im Spiegel der Absolventenzahlen von Hochschulen und Gymnasien, wird völlig rätselhaft was die jetzigen Sparmaßnahmen beitragen sollen, um Anschluß an die führenden Industriestaaten zu finden.
Diese kritische bildungsökonomische Darstellung auf der Basis von Zahlen und Daten wird die pauschale Verdächtigung dieser Disziplin als Herrschaftswissenschaft relativieren, wenn gleich Wolfgang Schmid schlüssig nachzeichnet, daß alle Ansätze der Bildungsökonomie auf eine effektivere Abstimmung von Wirtschaftsinteressen und Bildungsnachfrage orientierten.
Erna Appelt beleuchtet das Frauengleichbehandlungsgesetz im Spannngsfeld zwischen Anpassung und feministischen Ansprüchen.
Schließlich wird auch aus studentischer Sicht, aufbauend auf die Kollegen Kirstein und Schmid, von Karin Schneider versucht, aus den Sudentenprotesten des Frühjahrs ein Resumee zu ziehen. Mit diesem Bogen, dem Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten, möchte unser Heft dazu beitragen, den Widerstand gegen die restriktive Sozial- und Bildungspoltik etwas voranzutreiben. Wir wünschen uns natürlich auch viele LeserInnen unter den protestierenden StudentInnenen und LehrerInnen. Am wichtigsten wäre freilich, die Probleme, verständlicher als wir dies konnten, an viel mehr KollegInnen zu vermitteln, und Verbündete außerhalb der Hochschulen für wirklich wirksame Widerstandshandlungen zu finden. Für ein heißes Jahr nach diesem kalten Sommer!


