Präsentation oder Repräsentation?
Buchmessen sind, nicht weniger als andere Fachmessen auch, gekennzeichnet von ökonomischen Interessen. Sie dienen dazu, das Buch als Produkt eines Verlags — der Anteil der literarischen Titel beträgt dabei durchschnittlich 12 bis 18 Prozent — zu bewerben.
Es geht also um Umsätze und nicht um Inhalte; und der Autor zählt bei solcher Gelegenheit bestenfalls zum Werbematerial. Die Herbstmesse in Frankfurt hat allerdings auch — gewissermaßen als Vergnügungsbereich — ihren traditionellen Jahrmarkt der Eitelkeiten. Hochschaubahn und Ringelspiel bilden dabei die jährliche Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels sowie seit einigen Jahren die Hervorhebung eines ausgewählten Landes im sogenannten „Schwerpunkt“.
Als im Herbst 1992 die Frankfurter Messe GmbH bekanntgab, den Länderschwerpunkt 1995 Österreich zur Verfügung stellen zu wollen, wohl angesichts der anstehenden Jubiläen, war man hier nicht allerorts darüber beglückt. Jedenfalls mußte Ende Juli 1993 die IG Autoren in einem Brief urgieren: „Vermutlich aus Gründen allgemeiner Kulturbewußtlosigkeit und spezieller Ahnungslosigkeit über die wirtschaftliche Bedeutung dieser Hervorhebung haben drei durch das Bundesministerium für Unterricht und Kunst zu Finanzierungsberatungen herangezogene Ministerien (Wissenschaft und Forschung, Wirtschaft und Finanzen) und das Bundeskanzleramt bisher keine Bereitschaft zur Finanzierung dieser Länderausstellung erkennen lassen. Mehr noch lautete eine der zuletzt geäußerten Ansichten aus dem Finanzministerium, man wisse nicht, ob man sich das überhaupt leisten könne.“ (»Autorensolidarität«, 3/1993)
Immerhin versprach man in der Folge dann doch, 55 Millionen Schilling — ein Betrag in der Größenordnung, wie ihn ein Teil der Regierung ohne weiteres bereit wäre, für eine Militärparade auf dem Wiener Ring auszugeben — für die Leistungsschau in Frankfurt herauszurücken. 15 weitere Millionen wurden darüber hinaus noch flüssiggemacht, um — wenn schon, denn schon — der Schau auch einen entsprechenden Rahmen zu geben. Ein von Adolf Krischanitz entworfener kreisrunder Stahl-Glas-Pavillon erhielt den Zuschlag. Somit war zumindest einmal der Architektur Genüge getan.
Die Verpackung war fix, fehlte nur noch der Inhalt, den es zu verpacken galt. Dazu war ein Organisationskomitee „Frankfurt 95“ — Projektleiter Dr. Rüdiger Wischenbart — installiert worden, das sich zu Beginn seiner Arbeit darauf festlegte, im Rahmen des Schwerpunkts „die österreichische Literatur- und Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts“ in den Mittelpunkt zu stellen. Was sogleich Kritiker auf den Plan rief, die im Hinblick auf die Mil- leniumsfeiern des kommenden Jahres unser Jahrhundert als zu eng gegriffen sahen. So schrieb Hans Haider (»Presse«, 27.12.1994): „Österreich wird nicht mit seiner tausendjährigen, sondern nur mit hundert Jahren Geschichte vorgeführt. Österreich ist so alt wie die SPÖ. Habsburgs Glanzzeiten werden unterschlagen, auch Grillparzer, Raimund, Nestroy, Stifter, Hebbel.“
Zielsetzung
Die entscheidende Frage mußte allerdings sein: Was ist im Rahmen dieses Schwerpunkts tatsächlich zu erreichen? Die IG Autoren meinte in dem schon erwähnten Brief vom Juli 1993: „Länderschwerpunkte der Frankfurter Buchmesse bedeuten ein Ausmaß an öffentlicher Aufmerksamkeit, wie sie durch keine andere Art von Öffentlichkeitsarbeit auch nur annähernd herzustellen wäre.“ Tatsächlich hatte der Schwerpunkt Niederlande im Jahr 1993 gewissermaßen zu einer Entdeckung der holländisch-flämischen Literatur im deutschsprachigen Raum geführt.
Im darauffolgenden Jahr war zwar Brasilien selbst nicht besonders in Szene getreten, doch war letztlich der Frankfurter Schwerpunkt in den Buchhandlungen deutlich bemerkbar. Jene Verlage, die Übersetzungen von Werken brasilianischer Autoren schon länger im Repertoire hatten, hoben diese hervor; andere wollten ihrerseits nicht abseits stehen, wenn es darum ging, sich im Rampenlicht sonnen zu können, und veröffentlichten nun ebenfalls ihren Brasilianer im Hinblick auf die Buchmesse.
Fraglich bleibt allerdings, wie nachhaltig solchermaßen gesteigertes Augenmerk ist. Das Verlagswesen heute ist kaum weniger schnellebig als andere mediale Bereiche. Entscheidend ist, dann präsent zu sein, wenn ein Thema — oder im konkreten Fall auch ein Land — im Gespräch ist. Seit der Buchmesse 1994 ist dies aber bereits Österreich. Und die Eigendarstellung Brasiliens bei der Buchmesse in Frankfurt hatte zwangsläufig kaum Nachwirkungen. Es hat wohl auch niemand angenommen, ein deutscher Verlag würde darauf gewartet haben, erst dort Neues zu suchen. Man hatte schon produziert und damit war der Schwerpunkt erledigt.
Was aber kann nun Österreich überhaupt bieten, angesichts der Tatsache, daß verkaufsträchtige Autorinnen und Autoren zumeist schon seit längerem bei deutschen Verlagen unter Vertrag stehen und demzufolge ohnehin als deutsche Schriftsteller geführt werden? Etwa wenn eine Anthologie unter dem Titel „Deutsche Erzähler von Hofmannsthal bis Handke“ erscheint oder ein Band „Deutsche Erzähler seit 1945“ nicht nur eine Reihe österreichischer Autoren vereinnahmt, sondern sogar am Umschlag Thomas Bernhard zeigt.
Gerhard Ruiss, Geschäftsführer der IG Autoren und Mitglied des Frankfurt-Komitees, meint: „Die Symbolkraft dieses Österreich-Schwerpunkts ist enorm. Das wird bewirken, daß der Output an Titeln, der in den letzten Jahren kontinuierlich ansteigt, nochmals größer wird“ (»Wirtschaftswoche«, 23. 2. 1995). Tatsächlich hat der Buchmarkt schon in den vergangenen Monaten überaus deutlich gemacht, was in Frankfurt bevorsteht. Fast alle großen deutschen Verlage haben ihre Österreicher schon im Frühjahr herausgebracht, um bereits das vorauseilende Interesse zu nutzen. Selbst das „Literarische Quartett“ wurde zu einem Österreich-Festspiel bemüht. Und die Flut der Neuerscheinungen riß bis zum Herbst nicht ab.
Einerseits waren die Autorinnen und Autoren selbst bemüht, mit neuen Werken die erhöhte Aufmerksamkeit zu nützen; aber auch jene, die glaubten, sich dem Jahrmarkt der Eitelkeiten verweigern zu können, unterlagen zumeist dem Diktat der Verlage, denen der Umsatz klarerweise vor etwaigen Animositäten ihrer Schriftsteller geht. — Und wenigstens bei dieser Gelegenheit werden die österreichischen Autorinnen und Autoren auch als Österreicher gehandelt.
Nationalmannschaft und Unterliga
Diese Effekte wurden gewissermaßen allein durch die Ankündigung des Österreich-Schwerpunkts seitens der Frankfurter Messe GmbH und ohne Zutun des österreichischen Frankfurt-Komitees erzielt. Wenn also Robert Menasse, immerhin dortselbst Eröffnungsredner, meint: „Ich glaube, daß die österreichischen Autoren die Frankfurter Buchmesse nicht so sehr brauchen wie der österreichische Fremdenverkehrsverband“ (»Wirtschaftswoche«, 23.2.1995), mag das für jenen Teil der Autorinnen und Autoren durchaus zutreffen, denen quasi schon im voraus die deutsche Öffentlichkeit zuteil wurde.
Michael Scharang geht noch einen Schritt weiter, wenn er findet, Österreich hätte sich die Bereitstellung öffentlicher Gelder sparen können. In einem an den „Lieben Staat“ gerichteten offenen Brief (»Die Zeit«, 1.3.1995 und in gekürzter Form »Standard«, 2.3.1995) kommt er zur Auffassung: „Und es wäre an den unzähligen mit österreichischer Literatur überhäuften Verlagen gewesen, zu zeigen, was ihnen die Sache wert ist, und wie sie kostenlose Österreich-Werbung der Messeleitung nutzen.“
Welche Verlage sind es jedoch, die sich um die österreichische Gegenwartsliteratur bemühen? Zum einen sind da natürlich eine Reihe potenter deutscher Verlage, die ein paar Dutzend österreichische Autorinnen und Autoren in ihren Programmen führen. Diese sind zweifellos ohnehin auf der Buchmesse entsprechend vertreten, wobei ein Länderschwerpunkt für sie nur eine zusätzliche Werbemöglichkeit darstellt. — Wie aber schaut es mit jenen Autorinnen und Autoren aus, die bei den rund 500 eingetragenen österreichischen Verlagen veröffentlichen? Klein- und Kleinstverlage in ihrer übergroßen Mehrheit, die zwar nicht de facto, aber in der Praxis vom deutschen Buchmarkt ausgesperrt sind.
Vier Fünftel des österreichischen Buchmarktes kommen aus deutschen Verlagen, umgekehrt geht aber fast nichts. Hier zumindest einmal die Barriere zu durchbrechen, dazu bot der Österreich-Schwerpunkt eine Chance; falls man sie nutzen wollte. Und dazu bedurfte es öffentlicher Mittel, damit eben auch jene Klein- und Kleinstverlage auf der Buchmesse zeigen könnten, was ihnen ihre Sache wert ist. Denn sie sind es vor allem, die sich mit vollem Einsatz für österreichische Autorinnen und Autoren, für die österreichische Gegenwartsliteratur engagieren.
Oder wollte hier jemand ein Qualitätsmaß anlegen: Autoren, die bei österreichischen Verlagen veröffentlichen, gleichsam in eine Unterliga reihen, während all jene, die bei Suhrkamp, Luchterhand, Fischer oder Rowohlt unter Vertrag stehen, pauschal schon zur Nationalmannschaft gezählt werden müssen? Läßt sich aus entsprechenden Auflagen ein Werturteil fällen?
Mehr als 10.000 literarisch tätige österreichische Autorinnen und Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzer sind in einer „Österreichischen Literaturdatenbank des 20. Jahrhunderts“ auf CD-Rom erfaßt, die die IG Autoren mit Mitteln, die für den ÖsterreichSchwerpunkt bereitgestellt wurden, erarbeitet hat. Wenigstens auf dem silberglänzenden Scheibchen sind sie vorurteilsfrei in Frankfurt vertreten.
„Der sechste Sinn“
Denn ohne Klassenunterschiede kann es natürlich bei einer Österreich-Schau nicht abgehen. Schließlich wollte man es vom Frankfurt-Komitee her nicht mit einer schlichten Präsentation bewenden lassen, sondern eine repräsentative Hauptausstellung bieten, gewissermaßen eine Autoren-Parade im Quargelsturz. Wozu hatte man schließlich den extra dafür angefertigten Pavillon? Dr. Cathrin Pichler, Kuratorin für bildende Kunst und seinerzeit Gestalterin der „Wunderblock“-Ausstel- lung über 300 Jahre Psychiatriegeschichte bei den Wiener Festwochen, wurde ausersehen „ein Bild der österreichischen Geistes- und Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts“ zu entwerfen.
Als Titel dieser Schau wurde „Der sechste Sinn“ gewählt, keine Verbeugung vor der Esoterikwelle am Buchmarkt, sondern, wie Koordinator Wischenbart erklärt, eine Huldigung an die Kunst, „die mehr schaffe, als mit den fünf Sinnen zu erfassen sei“ (»Die Presse«, 27. 12. 1994). Solches kann natürlich nicht jeder Schriftstellerin und jedem Schriftsteller eigen sein, beziehungsweise konnte ja schon allein aus Platzgründen nicht Krethi und Plethi berücksichtigt werden. Deshalb erstellte ein dreiköpfiger „wissenschaftlicher Beirat“ (die GermanistikOrdinarien Wendelin Schmidt-Dengler und Friedbert Aspetsberger sowie der Bundesverlags-Lektor Franz Schuh) eine Liste der „ersten Garnitur“.
Den noch lebenden Teil der so ausgewählten Autoren kontaktierte Cathrin Pichler dann schriftlich: „Als Ausstellungsobjekt möchten wir von Ihnen einen Gegenstand ihrer Wahl erbitten: Dieser Gegenstand kann zu ihrer Arbeit gehören, ein Erinnerungsobjekt sein, symbolischen Charakter haben oder einfach als Repräsentant ihrer Person ausgewählt werden. Die Ausstellung wird eine Vitrinenpräsentation sein, das gewählte Objekt sollte daher ungefähr in der maximalen Größenordnung einer Schreibmaschine gedacht werden.“
Michael Scharang schrieb dazu in dem genannten Brief an den „Lieben Staat“: „Spätestens jetzt, da die Rede ist von einem Objekt, das gedacht werden soll, wo es doch nicht um Denken, sondern nur um einen Gegenstand geht, der nicht größer sein soll als eine Schreibmaschine, ist öffentliche Gegenrede angebracht, will man nicht zulassen, daß man von einer alles verwurstenden Ausstellungsmacherei — der Wachstumsbranche übrigens innerhalb der Freizeitindustrie — als Objekt in der maximalen Größenordnung eines nützlichen Idioten gedacht wird. Wer allerdings wie ich die Vitrinen-Idee für einen Unfug hält, auf den man öffentlich reagieren muß, wird, während er das tut, entsetzt erkennen, was jede nicht aufgestellte Vitrine bedeutet: Noch mehr Platz für noch Schlimmeres.“
Und auf die Behauptung eingehend, daß im Mittelpunkt der Vorbereitungen seitens des Frankfurt-Komitees von Beginn an die Autoren gestanden hätten, schlußfolgert Scharang: „Mit dem unaufhaltsamen Auseinanderbrechen von Kultur und Kunst gerät Literaturförderung in Gegensatz zu Autorenförderung, wird zur Mästung eines sich verselbständigenden Betriebs aus Animateuren, Vermittlern, Organisatoren, Projektanten, eines Betriebs, der die permanente Literaturshow auf allen Bühnen und in allen Ausstellungshallen garantiert, und dessen Betreiber ein umso besseres Auskommen haben, je besser sie ohne Autoren auskommen.“
Rüdiger Wischenbart, obwohl in Scharangs Brief nicht namentlich angesprochen, fühlte sich verpflichtet, darauf — ebenfalls in einem offenen Brief (»Standard«, 4.3.1995) — zu antworten. Darin betont er auf die rhetorische Frage „Warum aber dann überhaupt ein ,Österreich-Schwerpunkt‘?“ emphatisch: „Wegen des Gesprächs, also wegen der Autoren.“ Und dann kommt an anderer Stelle noch der Satz: „Es wäre Unsinn, ausgerechnet in Deutschland eine unbekannte österreichische Literatur präsentieren zu wollen.“
Unmut seitens der Autoren
Reden wir also nur über die ohnehin bekannten Autoren, führen wir mit ihnen das Gespräch oder bringen wir sie ins Gespräch? Da ja niemand voraussetzen kann, daß in Deutschland all das, was man als österreichische Gegenwartsliteratur fassen muß — einschließlich dessen, was in Österreich veröffentlicht wird —, bekannt ist, ist Wischenbarts Erklärung nur so zu verstehen. Und das entspricht ja auch ganz dem Konzept der Hauptausstellung, wo eben nur ein Häuflein Autoren, die man ohnehin nicht mehr vorstellen muß, nun mittels eines Gegenstands ihrer Wahl bildhaft präsentiert.
Auch die Äußerung Jochen Jungs, Chef des Residenzverlags und ebenfalls Mitglied des Frankfurt-Komitees, „Die einzige Gefahr ist, daß es zu viele werden könnten. Alle werden dabeisein und in der ersten Reihe stehen wollen. Und dabei werden sie sich gegenseitig wohl ein bißchen auf die Füße treten“ (»Wirtschaftswoche«, 23.2.1995), geht in die gleiche Richtung.
Daß diese Einstellung, aber auch die Tatsache, daß die Vorbereitungen weitgehend unter Ausschluß der in gewisser Weise doch Betroffenen getroffen wurden, zu Unmut bei einem größeren Teil der Autorinnen und Autoren, aber auch bei Verlegerinnen und Verlegern führte, ist nur allzu verständlich. Und das betraf keineswegs nur jene vernachlässigbare Größe der „Unbekannten“. So schrieb die Schriftstellerin Ilse Aichinger in einem offenen Brief an das Frankfurt-Komitee (»Standard«, 29.6.1995): „Auf Ihre Einladung, in Frankfurt einzig einer Vorführung meiner zehnminütigen Szene Belvedere beizuwohnen, möchte ich doch allgemeiner antworten: Ihr mehr als grotesker Vorschlag — und das kurz vor der Eröffnung des ,großen Spektakels‘ in Frankfurt (Sie hatten, soviel ich weiß, zwei Jahre Zeit) — bringt das Verhalten des österreichischen Staates, seiner Ministerien und Funktionäre, klar zutage.“ Und an anderer Stelle: „Der Literaturbetrieb, zwei Begriffe, die sich von ihrem Wesen her absolut ausschließen, hat in diesem Jahr krankhafte Formen angenommen.“
Vor allem aber außerhalb Wiens fühlte man sich ausgeschlossen und vom Frankfurt-Komitee düpiert. So hat der Verleger Richard Pils (Bibliothek der Provinz) schon im Jänner dieses Jahres seiner Verärgerung in einem Brief Luft gemacht: „Sehr geehrte Kulturschaffende, liebe Autoren, Journalisten, Galeristen, Verlagskollegen, Buchhändler, Freunde ... über die Vorarbeiten zum Österreich-Schwerpunkt 1995 bei der Frankfurter Buchmesse wird man kaum informiert und man kann sich auch kaum einbringen. Und man ist irgendwie angewiesen auf so etwas wie Gerüchtebörse. Zumindest mir geht es so. Man macht Vorschläge, reicht Projekte ein usw., aber wenn man nachfragt, wird man, wenn’s gut geht, vertröstet oder an eine andere Stelle verwiesen; und allmählich merkt man, daß der 55-Millionen-Kuchen, der da zum Jubiläumsfeste für Frankfurt 95 ausgeschüttet werden soll, längst schon von Interessengruppen, die ohnehin, wie halt schon all die Jahre her, sich an den Subventionen gütlich tun, aufgeteilt ist. So ist es nicht nur mit dem löblichen Gelde, sondern auch mit den Lokalitäten und den daraus resultierenden Möglichkeiten für Ausstellungen, Lesungen udgl. Es wird scheinbar verteilt unter dem Motto: Die guten ins Kröpfchen (Wien und so) — die schlechten für Restösterreich.“
Oberösterreichische Autoren wurden ihrerseits in einer Plattform aktiv, wollten sich gemeinsam einbringen und entwickelten Projekte. Mit dem Ergebnis, daß sie sich von Wien aus nicht genügend berücksichtigt fanden. Deshalb wandten sie sich auch an ihre Landesregierung, die schließlich aus Fördermitteln eine Million Schilling Sonderbudget für ein oberösterreichisches Literaturprojekt zur Verfügung stellte. So gelang es, einen eigenen Messestand für Oberösterreich zu ergattern, wo nun 22 oberösterreichische Verleger ihre Neuerscheinungen vorstellen.
Und der Einsatz führte immerhin dazu, daß im Rahmen des von der IG Autoren veranstalteten 14-Tage-Öster- reich-Programms im Literaturhaus Frankfurt doch noch fünf Veranstaltungen Oberösterreich gewidmet sind — wozu allerdings Rüdiger Wischenbart in Linz erklärte, grundsätzlich sei es bei der Konzepterstellung für die Messe aber nicht darum gegangen, „mit einer Sammlung von Schrebergärten anzutanzen“, sondern „das Land als Ganzes, nicht nur die Literatur“ zu präsentieren (»OÖ-Krone«, 26.2.1995).
Cliquen und Claquen
Es hat sich ausgezahlt, unausgesetzt lästig gefallen zu sein, meint man dennoch in Oberösterreich. Daß man sich zumindest in Ansätzen durchsetzen konnte, lag aber nur daran, daß sich Autorinnen und Autoren gemeinsam rührten, sich selbst Gedanken machten und nicht darauf vertrauten, ein ministerielles Frankfurt-Komitee würde das gegenwärtige literarische Schaffen in Österreich in all seinen Aspekten und seiner Bandbreite von sich aus zu erfassen suchen.
Um derartiges zu erwarten ist allerdings der gelernte Österreicher — im besonderen auch die gelernte österreichische Autorin und der gelernte österreichische Autor — ohnehin schon zu gewitzt, vor allem wenn er fernab von Wien sitzt. Doch schaut die Situation in der Bundeshauptstadt selbst nicht anders aus. Hier hat sich gewissermaßen seit jeher das kulturelle Leben in Cliquen und Claquen abgespielt. Und dieser Tradition huldigt man heute um nichts weniger. Allerdings demokratisch: Die Claqueure werden nicht mehr gekauft, man sitzt mit ihnen im selben Kaffeehaus. Und wenn es etwas zu verteilen gibt, dann ist es allemal wichtig, daß man zur richtigen Clique gehört, man bei der richtigen Literaturzeitschrift publiziert, kurz gesagt, daß man mit den Entscheidungsträgern auf gut wienerisch gesagt verhabert ist.
Kaum anders hat es sich bei der Vorbereitung des Österreich-Schwerpunkts für die Frankfurter Buchmesse abgespielt. Die Lautstärke der Claque ist immer entscheidend. Deshalb sei noch eine Stelle aus Ilse Aichingers Brief zitiert: „Ich bin, wie Sie in ihrem Brief schreiben, ,still‘, das stimmt. Aber ich wurde und werde auch still gemacht. Und ich bin nicht verträumt, keine Poetin, ich schaue genau hin, auch auf die Lüge dieses für jedes Leiden blinden Staates.“


